Work & Travel

Jü Hui am Gelben Fluss

China, Provinz Henan im Dezember 2014

Es war Andrea, die zum ersten Mal diesen Begriff erwähnte, den sie in einem chinesisch-deutschen Onlinewörterbuch gefunden hatte: Jü Hui, was so viel heißt wie „Gemeinschaftssinn“ oder „Gruppengefühl“. Oder, ganz frei übersetzt auch: „Los, los, wir müssen weiter! Zum Vordermann aufschließen.“

Das war an einer Tankstelle, mitten im Nirgendwo an der Autobahn zwischen Feng-Dings und Dings-Xhao, weil zwei Mitglieder unserer Reisegruppe auf die Toilette mussten und unser Reiseführer Herr Li wusste, dass es an dieser Tankstelle eine „Fünf-Sterne-Toilette“ gab, was bedeutet, dass die verwöhnte Langnase in einer Kabine hocken kann, deren Tür zumindest vorhanden ist und die sich im günstigsten Fall sogar noch schließen lässt.

Herr Li, dessen hervorragende Deutschkenntnisse sich auf ein mehrjähriges BWL-Studium in Heidelberg zurückführen lassen, der jetzt als Reiseführer für das staatliche Fremdenverkehrsbüro dieser Provinz arbeitet, weiß, was in Henan los ist, warum und wie alt und wichtig jede Sehenswürdigkeit ist. Ohne Guide wären Touristen in diesem unfassbar großen, weiten, heißen, überfüllten, lauten, wuseligen Land vermutlich verloren. Wer durchs Reich der Mitte reist, kann getrost all seine Vorstellungen zu Hause lassen, die er aus dem Fernsehen kennt. Denn die chinesische Wirklichkeit ist vermutlich erbarmungsloser, als Bruce Lee es jemals war. Interessanter aber auch.

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Herr Li hat in Heidelberg studiert

Die Reise begann in Sanmenxia, einer kleineren Gemeinde am Huang He, dem „Gelben Fluss“, dessen Ufer vor Tausenden von Jahren von Menschen besiedelt wurden, weshalb die Provinz Henan auch als „die Wiege der chinesischen Nation“ bezeichnet wird. Der Staudamm in der nahen Drei-Tore-Schlucht, in den 50er- und 60er-Jahren ein Prestigeobjekt der Kommunistischen Partei, stellt das zeitliche Ende dieser Entwicklung dar. Dieses Bauwerk, noch immer eine der größten Talsperren der Welt, darf heute besichtigt werden, und Herr Li kann selbstverständlich erzählen, dass der Speicherraum 35,4 Milliarden Kubikmeter Wasser fasst. Es war sogar mal auf knapp 70Milliarden Kubikmeter angelegt, aber daraus wurde nichts, denn man fand rasch heraus, dass das Staubecken jedes Jahr umständlich gespült und so von mehreren Milliarden Tonnen Sediment befreit werden muss, die der Gelbe Fluss auf seinem langen Weg von der Quelle im Gebirgszug Bayankara in der westchinesischen Provinz Qinghai nach Henan transportiert.

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Der Drei-Schluchten-Staudamm

Einer der Ingenieure, der in den USA (!) ausgebildete Huang Wanli, der dieses Szenario damals erkannt und angemahnt hatte, wurde daraufhin von Mao Zedong in einem Leitartikel der Parteizeitung der „Parteischädigung, der Förderung einer bourgeoisen Demokratie und Bewunderung fremder Kulturen“ beschuldigt. Die Partei hatte immer recht. Und so könnte Herr Li ebenfalls erzählen, dass der Gelbe Fluss wegen der häufigen und verheerenden Überschwemmungen, die wegen des erhöhten Flussbettes im Unterlauf des Stroms auftreten, auch den traurigen Namen „Chinas Sorge“ trägt.

Aber die Neugier der Reisenden wird nicht befriedigt, statt kritischer Töne lieber hopphopp! wieder hinein in den Bus und weiterfahren, denn außer diesem Industriedenkmal hat Sanmenxia auch ein Museum zu bieten, das über den Gräbern eines Fürstenstaates der Westlichen Zhou-Dynastie errichtet wurde, deren Führer sich hier vor etwa 2800 Jahren mit ihren Pferdewagen, Pferden und Hunden bestatten ließen. Die Grabbeigaben, die Wagenräder und die Skelette noch genau so in ihren Gräbern, wie die Archäologen sie freilegt haben. Und während das chinesische Volk draußen bei gut 32 Grad im benachbarten Vergnügungspark wimmelt, treffen wir im herrlich kühlen Museum lediglich zwei weitere Touristenpärchen aus Baltimore in den USA sowie Gent in Belgien. „Chinesen gehen eben nicht gerne ins Museum“, sagt Herr Li.

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Das Sanmexia-Museum wurde der Einfachheit halber über der Grabstätte errichtet

Kleinere Gemeinde heißt in China übrigens: Zu der halben Million Einwohner im Stadtgebiet von Sanmenxia kommen noch einmal rund 1,8 Millionen Menschen in den umliegenden Verwaltungsgebieten dazu. Ein paar Zentimeter Entfernung von Peking auf der Landkarte bedeuten einen 90-Minuten-Flug in Richtung Westen und dann noch mal drei Stunden Busfahrt durch eine Landschaft, die flach ist und ziemlich unspektakulär – sieht man von den vielen verlassenen, plattgemachten Dörfern ab, die sich alle paar Kilometer an das vierspurige Band der Autobahn schmiegen. Aus ihren Ruinen ragen bereits die Betonstelzen für eine neue Trasse der Hochgeschwindigkeitszüge empor, denn die Eisenbahn ist mit Abstand das wichtigste chinesische Verkehrsmittel. Hinter den Stelzen erheben sich gewaltige Trabantenstädte – Hochhäuser mit 30 Etagen und mehr, die sich ebenfalls häufig noch im Bau befinden. Das soll also der Fortschritt sein, wir blicken skeptisch drein, aber Herr Li erklärt, dass die Dorfbewohner in diesen Hochhäusern erstmals in ihrem Leben eigene Schlafzimmer, Küchen und Bäder besitzen würden und sich die Toilette nicht mehr mit mehreren Familien teilen müssten.

Spätestens in diesem Moment begreifen wir, dass China anders tickt. Wohl in keinem anderen Land der Erde prallen Geschichte und Moderne so ungeniert aufeinander, werden alte Strukturen gnadenlos niedergewalzt, werden Geschichte und Kultur aber auch so hemmungslos wie stolz inszeniert. Das wirkt häufig monströs, kitschig und banal, manchmal auch unfreiwillig komisch, aber auf jeden Fall immer wieder verstörend.

Würde beispielsweise die berühmte Eisenpagode aus dem elften Jahrhundert nicht in der ehemaligen Kaiserstadt Kaifeng (heute eine bedeutungslose Stadt), sondern, sagen wir mal, in der alten deutschen Kaiserstadt Aachen stehen, dann bildete dieses einmalige historische Großod garantiert nicht den Mittelpunkt eines gigantischen „Scenic Parks“, der irgendwie alles an chinesischer Geschichte beinhaltet – nur keine Museumspädagogik. An künstlichen Bachläufen stehen Dutzende von Reihern aus Plastik (der Reiher ist das chinesische Symbol für den „richtigen Weg“), vereinzelt pinkeln lustig grinsende Kinderstatuetten mit nacktem Popo aus vermeintlichen Bronze-Schniedeln (tatsächlich handelt es sich ebenfalls um Kunststoff) in die Bäche; wobei das Plätschern von atonaler chinesischer Fahrstuhlmusik begleitet wird, denn die künstlichen Bäumchen entlang der blitzsauberen Parkwege beherbergen alle einen Lautsprecher. Fast alle alten Gebäude, die auf dem Parkgelände oder im Stadtzentrum Kaifengs stehen, sehen alt aus, doch sie sind gerade mal 20 Jahre alt – die letzte Flut 1994 hinterließ große Zerstörungen. Aber schon im nächsten Moment stehen wir in einem wunderhübschen Bonsai-Wäldchen, in dem die (natürlichen) Bäume – einige unter bewachsenen Pergolen, die mit farbenfrohen Lampions dekoriert sind – akkurat klein gehalten werden; so klein, dass ihre Äste keinen Lautsprecher tragen können. Zum Glück. Und da sitzt dann auch schon der Bilderbuchchinese auf einer Holzbank: ein alter Mann mit zerfurchtem Gesicht und langem, weißen Spitzbart, der regungslos in die Ferne schaut. Er ist zweifellos echt, aber er trägt merkwürdigerweise einen Schlafanzug aus dünnem Flanell, dabei ist es kurz vor Mittag, doch Herr Li klärt uns auf: „Früher waren Schlafanzüge etwas, was sich nur die Wohlhabenden leisten konnten – und die zeigten das dann auch gerne in der Öffentlichkeit.“

Die jüngeren Generationen ziehen inzwischen jedoch das Auto dem Pyjama als Prestigeobjekt vor. Und als wir am Nachmittag erneut zwei Stunden auf der Autobahn unterwegs nach Dengfeng zu den Shaolin-Mönchen sind, fällt uns auf, dass praktisch nur zwei Sorten Fahrzeuge in China zu existieren scheinen: Luxuslimousinen und rote Lastwagen, die zumeist randvoll beladen sind mit Baumaterialien.

Dengfeng ist das Zentrum für chinesische Kampfkünste, vor allem für Kung Fu, und als unser Bus am Trainingsgelände unterhalb des Shaolin-Klosters vorbeirollt, üben auf diesem riesigen Platz etwa 800 junge Männer (und einige wenige Frauen) mit viel Gebrüll Tritte und Schläge gegen imaginäre Gegner. Etwa 100 jugendliche Kämpfer hängen in einem kegelförmigen Netzgerüst an einem Kran und studieren eine der akrobatischen Schwebe-Choreografien ein, mit denen die „Shaolin-Kämpfer“ bereits im Jahre 2008 bei den Olympischen Sommerspielen in Peking die Welt begeisterten. Als unser Mitreisender Nicolas das Spektakel fotografieren will, kommt jedoch ein Trainer im Laufschritt auf ihn zu, windet ihm, ohne lange zu fragen, die Kamera aus der Hand und löscht diese Bilder. Widerspruch ist zwecklos.

Etwa 15.000 Kung-Fu-Schüler leben und trainieren hier auf der Tagou-Akademie, der einzigen Schule, die der Abt des Shaolin-Klosters an diesem heiligen Ort zugelassen hat. Ungefähr 50 weitere solcher größerer und kleinerer Kampfsportschulen sind daher direkt in Dengfeng angesiedelt. Und alle, die hierher kommen, sind vom Traum beseelt, vielleicht einmal Karriere zu machen beim Film – was nur die allerwenigsten schaffen – oder wenigstens Trainer zu werden. In einem Heftchen stehen die mahnenden Worte des Akademiegründers: „Handle nach hohen Idealen. Strebe nach Weisheit und trainiere den Körper. Fürchte niemals das Böse. Kämpfe stets für Gerechtigkeit.“

Wer sich daran hält, kann zumindest mit einem Job bei der Armee oder einem privaten Sicherheitsdienst rechnen. Ein Schulabschluss ist in der Ausbildung mit drin. Umgerechnet rund 200 Euro kostet ein Kung-Fu-Internat pro Monat, viel Geld für eine chinesische Familie. Europäer und Amerikaner, die diesen Kampfsport erlernen oder vervollkommnen wollen, müssen mit dem Dreifachen rechnen. Dafür sind sie von den chinesischen Mitschülern getrennt, auch beim Essen und Schlafen in den Mehrbettzimmern, doch das Training, sagt der 20-jährige Dong Bao, sei für alle gleich hart. Er will Kung-Fu-Lehrer werden. Dong Bao gilt als einer der besten: Immerhin durfte er schon mal ins Ausland, um bei „Wetten, dass..?“ aufzutreten. Und auch in Dengfeng steht er abends auf der Bühne einer Freiluftarena und ist Teil eines Sing- und Tanzspiels mit gut 250 Mitwirkenden. Zwei Stunden später sagt Herr Li in der Halle des Hotels: „Ich bitte Sie jetzt alle, sich rasch schlafen zu legen. Morgen ist wieder ein langer Tag!“ Jü Hui kennt eben keine Pausen.

Die grüne Briefkastenfirma

Panama, März 2016

Der panamaische Staatspräsident Juan Carlos Varela sah für einen kurzen Moment ratlos drein, als ihm der Vorstandsvorsitzende der Lufthansa, Carsten Spohr, vor rund 500 geladenen Gästen im feinen Union-Club von Panama City ein Kinderbuch überreichte; nein, eigentlich das deutsche Kinderbuch schlechthin. Denn wie soll man „Oh, wie schön ist Panama!“ korrekt ins Englische adaptieren? Und außerdem ist es in Janoschs herzzerreißender Geschichte ja auch so, dass der Bär und der Tiger ihr ersehntes Ziel nie erreichen werden …

Letztlich war es jedoch ein gelungenes Gastgeschenk anlässlich des ersten Direktfluges aus Frankfurt in diese Boomtown Mittelamerikas, deren Skyline mittlerweile mehr als 23 Hochhäuser mit einer Höhe von mehr als 200 Metern beherbergt. Für Mittel- und Südamerika ist das so ziemlich einsame Spitze.

Dieser stolz zur Schau gestellte Reichtum des Landes, das zwischen Costa Rica und Kolumbien die Landbrücke von Mittel- nach Südamerika bildet, gründet sich auf den Einnahmen von den Schiffspassagen durch den berühmten Kanal, auf den zahlreichen staatlichen Kasinos sowie – wenn auch offiziell verschwiegen – auf den Geldwäschereien einiger Drogenmilliardäre; neuerdings offiziell aber auch, dank der Enthüllungen namens „Panama-Leaks“, auf dem Vermögen vieler Tausend Mächtiger und Reicher aus aller Welt, die aktuell unter dem Generalverdacht stehen, über zahllose ansässige Briefkastenfirmen Steuern hinterzogen zu haben. „Panama“, sagt der Präsident bedauernd, „galt bisher leider vorwiegend als ein Land für Durchreisende. Die einen fahren von West nach Ost und in umgekehrter Richtung durch den Kanal, die anderen durchqueren unseren Staat in Nord-Süd-Richtung über die Panamericana, die Straße, die von Alaska bis hinunter nach Feuerland führt. Aber das wird sich jetzt bestimmt ändern.“

Präsident Varela verschweigt selbstverständlich trotz Nachfrage, dass in der Steueroase immerhin längst vermutlich mehrere Hundert Milliarden Dollar dauerhaft in Schließfächern, auf Offshore-Konten und eben auch in Immobilien schlummern: Schon jetzt sind gut 40 Prozent der bis vor wenigen Jahren noch verfallenen Altstadt von Panama City prächtig saniert worden; das Viertel ist auf dem einerseits guten, andererseits aber auch umstrittenen Weg, sich in eine Art Disneyland des kolonialen Zeitalters zu verwandeln; gegen den Widerstand der Anwohner, die jetzt umgesiedelt werden müssen, weil sie ja selbst die Sanierungs- und Renovierungskosten niemals stemmen könnten.

Die Panamaer, die trotz eines relativ schmalen monatlichen Mindestlohns von 600 Dollar nach den Dänen und Costa Ricanern angeblich zur drittglücklichsten Nation auf der Welt gezählt werden, haben erst vor Kurzem, aber mit bemerkenswertem Elan begonnen, den Tourismus ebenso kontinuierlich wie auch nachhaltig zu entwickeln. Immerhin branden zwei Weltmeere an die Traumstrände des (bisherigen) Transitstaates, der zu Recht auch als vielseitiges Inselparadies für Intensivbräuner und Wassersportler gilt; das sich jedoch auch sehr wohl hervorragend für Naturliebhaber, Vogelkundler, Mountainbiker und Wanderer eignet; Touristen, die allerdings ein gewisses Entdeckergen in sich tragen sollten. Auch das Klima ist für uns Mitteleuropäer recht angenehm, in bestimmten Regionen jedenfalls und im Hochland sowieso). Da kommt solch ein Ausbau des Langstreckennetzes einer Fluggesellschaft aus einem Land der zahlungskräftigen Reiselustigen in Form eines bequemen Nonstop-Fluges von zwölfeinhalb Stunden Dauer ab Frankfurt vermutlich immer zur richtigen Zeit.

Hier oben jedoch, im Nationalpark Baru in rund 1700 Meter Höhe über dem Meeresspiegel, am Fuße des gleichnamigen Vulkans, der höchsten Erhebung des Landes (3474 Meter), nur etwa 35 Kilometer östlich der Grenze zu Costa Rica, ist das globale Getöse um die „Panama-Papers“ ganz weit weg. Und auch der Berg selbst hat im Jahre 1550 zum letzten Mal gerumpelt. Er gehört zum Höhenzug der Talamanca-Kordilleren und bietet dem Reisenden auf wenigen Quadratkilometern ein fast schon spektakuläres Wechselbad aus der kühleren, pazifischen Klima- in die heiß-feuchte karibische Klimazone. Das hat grandiose Auswirkungen auf die Flora und Fauna dieses Landstrichs, wo riesige Bergwälder in den Himmel gewachsen sind, die von gigantischen Eichen, Zedern und Zypressen dominiert werden.

Im Städtchen Cerro de Punta haben dagegen die Orchideen das Sagen, vor allem in der „Finca Dracula“, die vom Biologen Andrés Maduro zu einem Paradiesgarten gestaltet wurde. 2200 verschiedene Orchideen wachsen hier, und es scheint fast so, als kenne die 30-jährige Vanessa, eigentlich eine Rechtsanwältin aus Panama City, jede einzelne Orchidee persönlich. Sie verbringe ihren Urlaub hier, sagt sie. „Aber natürlich auch, um meine Englischkenntnisse zu trainieren“, fügt sie ganz pragmatisch hinzu und lacht. Vanessa gehört zu der jungen Generation der Panamaer, die das Glück hatten, immerhin schon seit 1999 in stabilen Verhältnissen zu leben und sich nun erkennbar Mühe geben, diese Tugend weiter zu festigen, Natur- und Umweltschutz inklusive.

Das „beste Haus am Platz“, das Hospedaje Quetzales in rustikaler Holzbauweise, erinnert eher an eine europäische Berghütte. Der Komfort hier draußen ist der Provinz angemessen, Luxus sollte man freilich nicht erwarten, aber ganz gleich ob es die Sauberkeit der Zimmer oder das mehrgängige Dinner am offenen Kaminfeuer betrifft: Die Freundlichkeit und eben das Bemühen der Gastronomen um ihre Gäste sind spürbar.

„Billig“ ist Panama keineswegs, der amerikanische Dollar ist die gängige Landeswährung, und Vanessas gespeichertes Orchideenwissen erhält der Reisende für zehn Dollar; für die anschließende Übernachtung (natürlich ohne Vanessa), aber inklusive Abendessen und Frühstück muss er mit rund 120 Dollar rechnen.

Am nächsten Morgen geht es rund zweieinhalb Stunden mit dem Bus um den Vulkan Baru herum nach Boquete, wobei man auf erstaunlich guten Straßen insgesamt sieben extrem kurvenreiche Täler durchqueren muss. Wer will und die nötige Kondition hat, kann diese Strecke auch zu Fuß bewältigen: Der Sendero los Quetzales gilt als einer der schönsten Wanderwege im panamischen Hochland und führt durch eine abwechslungsreiche Landschaft von monströser Vielfalt an tropischen Pflanzen, Bäumen und Tieren, insbesondere Vögeln. Rund 400 verschiedene Arten, sagt unser Fahrer Raoul, ließen sich beobachten, darunter natürlich auch der berühmte Quetzal mit seinem auffallenden, grün-blau-rot gefärbten Gefieder und den langen Schwanzfedern. Kein Wunder, dass dieses Land weltweit als einer der Hotspots für Ornithologen gilt. Etwa zehn Kilometer außerhalb von Boquete liegt die Finca Lerida, die 1924 vom norwegischen Ingenieur Toleff Bache Mönniche gegründet wurde; einem der vielen Skandinavier, die im Zuge der Fertigstellung des Panamakanals ab der Jahrhundertwende nach Mittelamerika auswanderten. Überhaupt gilt Panama als klassisches Einwandererland, Menschen und ihre Nachfahren aus etwa 60 Nationen leben hier.

Heute bietet die Finca Lerida eine Mischung aus Spitzenrestaurant, feinem Landhotel und berühmter Kaffeefarm, die ihr Naturprodukt schon seit dem Jahre 1929 hauptsächlich nach Deutschland exportiert. „Das Klima ist für den Kaffeeanbau natürlich perfekt“, erklärt Roberto, 37, der hauptberuflich als „Tourism-Guide“ arbeitet. Die geführte Wanderung durch die Kaffeeplantage schlägt zwar mit 35 Dollar pro Person zu Buche, aber sie dauert auch gut zwei Stunden und darin inbegriffen sind eine Besichtigung der Trockenanlage sowie eine umfangreiche Kaffeeverkostung, auf der wir auch den „Geisha“-Kaffee probieren können, ursprünglich aus Äthiopien eingeführt, den vermutlich exklusivsten Kaffee der Welt. Und wenn man dann nach einem perfekten Dinner auf der kleinen Veranda vor seinem Hotelzimmer aus der Hängematte in den Sternenhimmel guckt, fällt einem sofort nur eins ein – der Titel dieses berühmten Kinderbuches von Janosch …

„Help!“, die Beatles und ich

Obertauern, Januar 2015

Dies ist eine Erfolgsgeschichte, die mit einer verpassten Gelegenheit beginnt. Die wohl dadurch zu erklären ist, dass im Jahre 1965 noch niemand voraussagen konnte, wie berühmt die Beatles, wie berühmt Paul McCartney werden würde. Denn als der einheimische Skilehrer Herbert Lürzer, heute 70 Jahre alt, damals, als die Beatles Teile ihres Spielfilms „Help“ ausgerechnet in Obertauern im Salzburger Land drehten, ebendiesen Paul bei dessen Skiszenen doubelte, steckte das Marketing noch in den Kinderschuhen. Es gab auch ein wenig Presserummel, doch der beschränkte sich hauptsächlich auf eine diffuse Romanze des Oberbeatles mit der reizenden Miss Austria des Jahres 1964, die Gloria Mackh hieß und, welch ein Zufall, ebenfalls aus Obertauern stammte und Tochter des gleichnamigen Hoteliers war, dem das Hotel Marietta gehörte. Nach den Dreharbeiten versank Obertauern wieder im Schnee. Von dem gibt es jedes Jahr reichlich, denn hier ist die sogenannte Wetterscheide, wo die Nord- auf die Südfront trifft und umgekehrt. Diese klimatische Besonderheit hat zur Folge, dass die Schneesicherheit im Winter sehr hoch ist, die Regenwahrscheinlichkeit im Sommer jedoch leider auch.

Doch nun stelle man sich einmal vor, die Beatles würden heutzutage einen Spielfilm drehen. Unter 100 TV-Kameras ginge da wahrscheinlich nix; und Obertauern würde über Nacht weltweit in einem Atemzug mit St. Anton, Kitzbühel, Lech, St. Moritz und Vail in Colorado genannt werden, und dem braven Skilehrer Herbert Lürzer hätte man sicherlich seine kleine Pension eingerannt, die er damals nebenbei gemeinsam mit seiner Frau betrieb.

Genau diese kleine, gemütliche Familienpension auf 1200 Quadratmeter Almwiese war die Keimzelle des lokalen Tourismusimperiums. Heute ist die Pension als Wohnhaus architektonisch in das Hotel Kesselspitze integriert, das luxuriöse Vier-Sterne-Superior-Flaggschiff der „Lürzer Ferien“. Es liegt etwas abseits vom trubeligen Ortszentrum, aber was macht das schon: Aus dem „Skistall“ genannten Skikeller rutscht man gerade mal 100 Meter hinunter zur Schaiderbergbahn oder Achenrainbahn: zwei bequemen Einstiegen ins kompakte Obertauerner Skigebiet, das rund 100 Kilometer abwechslungsreicher Pisten umfasst – vom Idiotenhügel bis hin zur „Gamsleiten II“, einem der steilsten und anspruchsvollsten Hänge in den Alpen. Der Ski- bzw. Snowboardpass kostet in der Hochsaison 40 Euro am Tag für Erwachsene – doch ein billiges Vergnügen ist der Wintersport ja noch nie gewesen, und das Portemonnaie glüht weiter, denn auch das Après-Ski-Vergnügen oder die mittägliche Brettljause auf den Berghütten gibt es nirgendwo zum Schnäppchenpreis. Auf der anderen Seite werden die Pisten jede Nacht hervorragend präpariert und darüber hinaus über die Lifte so feinsinnig miteinander vernetzt, dass man sämtliche Pisten abfahren und immer wieder zur Ausgangsstation – seinem jeweiligen Hotel – zurückkehren kann.

In der „Kesselspitze“ finden die Gäste all die luxuriösen Annehmlichkeiten vor, die man je nach Saison für durchschnittlich 135 Euro pro Tag und Person im Doppelzimmer inklusive Halbpension erwarten darf: ein exquisites Restaurant, einen großzügigen Wellnessbereich, eine exzellent ausgestattete Bar. Vor allem aber auch: Ruhe. Im Prinzip bräuchte man also das Haus überhaupt nicht zu verlassen, außer zum Ski- und Snowboardfahren natürlich. Doch wer einen (Einkaufs-)Bummel durch Obertauern machen oder aber ausgelassen feiern gehen möchte, den befördert ein kostenloser Taxi-Shuttle-Service der Lürzers zwischen 8 Uhr abends und 4 Uhr morgens hin und zurück (zum nächstgelegenen Bahnhof in Radstadt sowie dem Salzburger Flughafen fährt die Lürzer-Taxiflotte gegen Aufpreis natürlich auch).

Und wenn man dann im Ortszentrum vor dem „Freudenhaus“ steht, in dem man sämtliche Wintersportgeräte leihen und nebst den dazugehörigen Outfits auch käuflich erwerben kann, beginnt man langsam zu begreifen, wie die „Lürzer Ferien“ funktionieren. „Alles kommt aus einer Hand, aber das mit viel Liebe“, sagt Heribert Lürzer, das charmante Sprachrohr des Lürzer-Clans. Und das sieht so aus: Ins „Freudenhaus“ ist das „mundwerk“ integriert, eine Art Edel-Imbiss, aber auch Nachtbar und Partylocation; gegenüber steht das (preiswertere) „Frau Holle“-Sporthotel garni, das im Erdgeschoss den Peoples-Pub beherbergt, weswegen das opulente Frühstück auch bis mittags angeboten wird. 100 Meter weiter lockt das frisch modernisierte Sporthotel Edelweiss (beide Häuser verfügen ebenfalls über gepflegte Wellnessbereiche), und jetzt ist es wahrlich keine große Überraschung mehr, dass auch die größte Skischule am Ort ein Lürzer-Unternehmen ist, wie auch die große Edelweißalm oben am Berg, von der es sich im Notfall auch noch nach Sonnenuntergang mit ein paar Jagertees im Blut auf Skiern über eine leicht zu bewältigende, buckelfreie Piste abfahren lässt. Am besten die Skier laufen lassen: Dann landet man unweigerlich vor der Lürzer Alm, einer heimeligen Kombination aus zünftiger Berghütte (mittags), Abendrestaurant (ab 18.30 Uhr) und ab 21.30 Uhr dann dem legendären Epizentrum alpenländischen Partyfrohsinns. „Mit Bierfässern ist das nicht zu bewältigen. Unsere Edelstahltanks fassen 12.000 Liter – und die werden in der Saison pro Woche einmal frisch befüllt, in der Hochsaison auch schon zweimal pro Woche“, sagt Heribert Lürzer nicht ohne gewissen Stolz.

Hätte er sich als Jugendlicher nicht mindestens einmal pro Jahr irgendeinen Knochen gebrochen, dann wäre aus dem Lürzer-Heribert ein passabler Skirennläufer geworden. Vielleicht hätte es sogar fürs österreichische A-Team gereicht, aber dann reichte es ihm mit den Gipsverbänden, und so konnte er sich eben fortan darauf konzentrieren, gemeinsam mit seinen beiden Brüdern das „Lürzer Ferien“-Konzept zu verwalten, zu vergrößern und vor allem konsequent zu verbessern, das sein Vater mit Blut, Schweiß und Tränen quasi aus dem Nichts aufgebaut hatte.

Die Familie ist stolz darauf, dass sie ihre Marktführerschaft erarbeitet und nicht ererbt hat. Dass sie ein gewachsenes Unternehmen führen und aus allen Fehlern lernen durfte. Und sie ist clever genug, sich nicht auf ihrer Monopolstellung auszuruhen, sondern ständig zu reparieren, zu verbessern und zu verschönern und neue Ideen zu entwickeln. Allerdings gibt es insgesamt rund 8000 Hotelbetten in Obertauern, Mitbewerber also und keinesfalls schlechtere Hoteliers und Gastronomen, die aber schon mal neidisch gucken. Als die Lürzer Alm im Jahre 1999 ausbrannte, sollen einige Obertauerner hinter vorgehaltener Hand sogar eine gewisse Schadenfreude geäußert haben. Die ihnen jedoch schnell verging, weil sie plötzlich feststellen mussten, dass gerade die Lürzer Alm der sprichwörtliche Publikumsmagnet war, der auch unsportliches Partyvolk in die Berge lockte. „Wir haben enorm viele Gäste, die ausschließlich zum Feiern anreisen“, sagt Antje Gallbrunner, die zupackende Direktorin des „Frau Holle“-Hotels, die nicht selten auch persönlich dafür sorgen muss, dass Gäste aus dem „Peoples“ sicher auf ihre Zimmer gelangen.

Letztlich profitiert der gesamte Ort vom Konzept der „Lürzer Ferien“. Und das Schöne an Obertauern sei eben, dass niemand zum Remmidemmi gezwungen werde, meint Senior Heribert Lürzer. Er lässt seine drei Söhne machen, schaut inzwischen bloß ab und zu einmal als Frühstücksdirektor nach dem Rechten, genießt ohne Furcht vor Altersarmut sein Pensionärsdasein und erzählt auf Nachfrage gern auch zum x-ten Mal die Geschichte, wie er damals den Paul McCartney doubelte…

Hier ist sie: „Help!“, die Beatles und ich

Vielleicht wisst ihr es ja noch, könnt euch erinnern: Im März 1965 kam die damals berühmteste und bis heute wohl einflussreichste Popband der Welt zwei Wochen lang nach Obertauern, um hier einen Teil ihres zweiten Spielfilms „Help!“ zu drehen. Paul McCartney, John Lennon, George Harrison und Ringo Starr waren zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Höhepunkt ihres musikalischen und kommerziellen Triumphzugs, der sie bereits um die ganze Welt geführt hatte. Und nun hielt die „Beatlemania“ – so nannte man die Hunderte meist weiblicher Fans, die außer Rand und Band waren und überall dort, wo die „Fab Four“ („Fab“ steht für „fabulous“ = „fantastisch“) öffentlich in Erscheinung traten, besondere Sicherheitsvorkehrungen erforderlich machten – plötzlich Einzug in unser beschauliches Bergdorf auf dem Tauernpass, dass damals gerade im Aufwachen befindlich war. Eine „schlafende Schöne“, wenn man so will.

     Aber die Beatles in Obertauern? Warum hatte der amerikanische Regisseur Richard Lester ausgerechnet unser Nest im Salzburger Land als Drehort für die winterlichen Sequenzen seines Spielfilms gewählt, und nicht einen der mondänen Skiorte wie etwa St. Moritz, Zermatt, Davos/Klosters, Cortina d’Ampezzo oder vielleicht auch Aspen in Colorado oder Garmisch-Partenkirchen?

     Darauf gibt es gleich mehrere Antworten: Zum einen galt Obertauern als absolut schneesicher (das ist übrigens – trotz des häufig beschworenen Klimawandels – bis heute so). Zum Zweiten bestand für die Filmcrew hier in der vermeintlichen Abgeschiedenheit die größere Chance, konzentriert arbeiten zu können; in einer Zeit, als die Beatles bei ihren Konzerten längst große Stadien füllten und sich kaum noch unerkannt bewegen konnten (das zumindest hoffte Brian Epstein, der legendäre Manager der Beatles). Zum Dritten Nähe gab es, wie im Drehbuch vorgesehen, einen See und einen Bahnhof in der Nähe. Und darüber hinaus wurde natürlich auch das Budget des Filmproduzenten nicht so sehr belastet…

     Spätestens an dieser Stelle kamen auch vier Skilehrer aus der Skischule Krallinger in Obertauern ins Spiel. Sie waren alle um die Anfang 20, kernige Burschen, abenteuerlustig und der englischen Sprache mehr oder minder mächtig. Was aber noch wichtiger war: Sie waren praktisch mit Skiern an den Füßen geboren worden. Eine wichtige Voraussetzung, um die Beatles in ihren actionreichen Verfolgungsjagden am Kitzbühellift zu doubeln. Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr hatten schließlich noch nie auf Skiern gestanden. Einzig und allein John Lennon war wohl schon ein paar Mal einen verschneiten Hügel im schottischen Hochland hinab gerutscht, hatte den Schneepflug allerdings schon wieder verlernt.

     14 Tage lang trugen diese Vier nun die gleichen dunklen Kostüme wie die Liverpooler Musiker im Film, und man muss auch heute noch anerkennend konstatieren: John und Franz Bogensperger, George und Gerhard Krings, Ringo und Hans Pretscherer sahen sich – zumindest auf der Skipiste – zum Verwechseln ähnlich.

     Ich, Herbert Lürzer, hatte das Vergnügen – oder auch die Ehre – für oder als Paul McCartney die Pisten hinunter zu wedeln. Mein Gott, das ist nun schon 50 Jahre her. Ein halbes Jahrhundert! Seitdem ist so viel passiert, überall in der Welt, und natürlich auch bei uns, in Obertauern. Doch soweit es uns Lürzers betrifft, kann ich heute sagen: Das Schicksal hat es schon recht gut mit unser Familie gemeint, abgesehen davon, dass die Metamorphose aus einer kleinen Pension mit anfänglich zwei Doppelzimmern (und angrenzendem Kuhstall für den damaligen Almbetrieb) in ein weit über die Grenzen des Salzburger Landes hinaus bekanntes Vier-Sterne-Superior-Haus auch mit harter Arbeit, Pioniergeist und Risikobereitschaft, vor allem aber mit Liebe zum Tourismus und viel Hingabe verbunden gewesen ist. Das „Hotel Kesselspitze“ ist heute unbestritten das Flaggschiff unseres Familienbetriebs, das wir inzwischen „Lürzer Ferien“ nennen.

     Inwieweit mein damaliger Ausflug in die verrückte Welt des surrealistischen Films für all dies mitverantwortlich ist, vermag ich jedoch nicht zu sagen. Aber ein halbes Jahrhundert „Beatles in Obertauern“ ist doch ein Jubiläum, das man feiern sollte. Nicht zuletzt haben die vier genialen Musiker hier oben auf dem Tauernpass ihr einziges Konzert auf österreichischem Boden gegeben – und was für eins…   

     Deshalb haben sich die „Lürzer Ferien“ für das Eröffnungskonzert zum Saisonauftakt 2014/2015 am 29. November 2014 auch etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Den musikalischen Teil dieses Abends werden die „The Backwards“ bestreiten, die wahrscheinlich beste Beatles-Cover-Band der Welt, und als Stargast werden wir darüber hinaus Andreas Gaballier begrüßen. Als weiteren Höhepunkt veranstalten die „Lürzer Ferien“ im März 2015 eine „Beatles-Woche“, in dem wir in unserem „Sporthotel Edelweiss“ unter anderem das Originalmenü nachkochen wollen, das die Beatles vor 50 Jahren serviert bekamen.

     Mich könnten Sie dann mit ein wenig Glück im Kaminzimmer des Hotels treffen. Sie müssen nämlich wissen, dass die Familie mich, den Großvater, dazu verdonnert hat, all denjenigen, die zum ersten oder vielleicht auch wiederholten Mal die vielen kleineren und größeren Geschichten rund um die Dreharbeiten zum Beatles-Film „Help!“ hören wollen, zu erzählen. Aber bevor ich etwas aus diesen wilden Tagen vergesse, schreibe ich das doch lieber auf!

      Jetzt, wo dies alles 50 Jahre zurück liegt, darf ich es wohl verraten: Das Drehbuch – im Grunde den ganzen Film – habe ich bis heute nicht so richtig verstanden. Es hieß schon damalsim Jahre 1965, dass der amerikanische Regisseur Richard Lester mit seinem ersten Beatles-Spielfilm „A Hard Day’s Night“ ein „bahnbrechendes, zukunftsweisendes Werk“ geschaffen habe – die „Mutter aller modernen Musikfilme“, einen echten Vorläufer für heutige Musikfilm- und Musikvideoproduktionen. Dementsprechend hoch lagen die Erwartungen auf diesem zweiten Film, der „Help!“ heißen sollte. Einen schwachen Abklatsch konnte und wollte Lester sich nicht leisten. Niemand konnte oder wollte sich das leisten. Deshalb hatte Lester einen Wechsel der Erzählperspektive geplant: Während „A Hard Day’s Night“ die Welt noch aus Sicht der Beatles gezeigt hatte, konzentrierte er sich nun auf die Welt um die Band herum, die maßgeblich vom „Swinging London“ inspiriert wurde: dem damaligen vorherrschenden Lebensgefühl, das sich unter anderem in der strikten Ablehnung von Konventionen ausdrückte, im Brechen von Tabus – und durch das Tragen von Miniröcken (Frauen) und langen Haaren (Männer).

     Die Beatles, die innerhalb weniger Jahre aus dem „Kaiserkeller“ im Hamburger Rotlichtviertel auf St.Pauli und dem „Cavern Club“ in ihrer Heimatstadt Liverpool zur weltweit berühmtesten und erfolgreichsten Popband aufgestiegen waren, entsprachen mit ihrer Musik, ihrer Mode und ihrem Lebensstil exakt diesem Zeitgeist. Genau das sollte „Help!“ (der deutsche Filmtitel lautete „Hi-Hi-Hilfe!“) erzählen – und zwar mit der folgenden Geschichte: Irgendwo im Fernen Osten soll der Göttin Kaili ein Menschenopfer dargebracht werden. Natürlich handelt es sich dabei um ein wunderschönes, junges Mädchen. Aber das entscheidende Detail für die blutrünstige Opferhandlung fehlt: ein heiliger Ring nämlich, der fürs Gelingen der Zeremonie unerlässlich ist. Diesen Ring trägt nun ausgerechnet der Schlagzeuger der Beatles, Ringo, am Finger. Er hat den Ring – warum und wieso auch immer ist wohl irrelevant – von einem Fan geschenkt bekommen – und selbstverständlich ahnen weder er noch seine Bandkollegen etwas von dessen ungeheurer Bedeutung.

     Allerdings kann Ringo den geheimnisvollen Ring nicht abnehmen, den ihm erst der zuständige Priester und Zeremonienmeister abluchsen will und dann ein verrückter Wissenschaftler namens Dr. Foot, der mit Hilfe des Rings die Weltherrschaft anstrebt. Im letzten Augenblick gelingt es Ringo, seinen Finger retten. Darauf hin beginnt eine wilde Verfolgungsjagd rund um den Globus, an der unter anderem der besagte Dr. Foot, halb Indien, halb Scotland Yard sowie das britischen Militär beteiligt sind. Ihre Flucht führt die Beatles aus dem Fernen Osten nach London, von dort in die Schweiz (im Film: Obertauern) und wieder zurück in den Londoner Buckingham Palast. Schließlich landen die „Fab Four“ jedoch irgendwie in der Karibik, genauer gesagt, auf den Bahamas, wo der Ring ebenso plötzlich wie unerwartet von Ringos Finger gleitet, einfach so in den Sand…

     Als uns kurz nach den Dreharbeiten ein Reporter des Wiener „Kurier“ nach der Handlung des Films fragte, haben Gerhard Krings und ich wie aus einem Mund „saublöd“ geantwortet. Oder haben wir vielleicht doch höflichkeitshalber „Schmarrn“ gesagt? Sei’s drum. Aber wir waren schließlich Söhne der Berge und keine Cineasten. Wir hörten auch weder „I Want to Hold Your Hand“ noch „Ticket to Ride“ oder „Help!“, sondern wir hörten vorzugsweise die Oberkrainer.

     Doch am 13. März war es mit der Polka in Obertauern erst einmal für gute zwei Wochen vorbei: Unten in Salzburg herrschte Tauwetter, als die British European Airways Maschine pünktlich um 14.10 Uhr auf dem Flughafen Maxglan aufsetzte. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich rund 5000, zumeist weibliche, Fans versammelt. Augenzeugen sprachen übereinstimmend von einem „Ausnahmezustand“, als sich die Kabinentür des Flugzeugs öffnete und die vier „Pizköpfe“ winkend die Gangway hinunter schlenderten, gefolgt von ihrem Manager Brian Epstein, dem Regisseur Richard Lester und einer kleinen Entourage (die meisten Mitglieder des 60-köpfigen Filmteams waren bereits ein paar Tage zuvor angereist), zu der auch die Freundinnen und Ehefrauen von John Lennon (Cynthia Lennon), George Harrison (Pattie Boyd) und Ringo Starr (Maureen Starkey) zählten. Nur Paul McCartney war solo gekommen. Seine Freundin Jane Asher, eine Londoner Schauspielerin, konnte angeblich wegen eines Theaterengagements nicht in den Wintersport mitreisen. Andererseits herrschte jedoch das Gerücht, McCartney und Asher hätten sich getrennt. Dieser Umstand sollte später während der Dreharbeiten zu einer der interessantesten Randerscheinungen führen…

Die Stadt Salzburg hatte über 100 Polizeibeamte aufgeboten, dazu zwei Wasserwerfer, und die Männer in den Uniformen nahmen gespannte Haltung an, als die 5000 Fans das berühmte „Yeah, yeah, yeah!“ wie aus einem einigen gigantischen Mund brüllten und kreischten. Sofort wuchs die Sorge, ob die Absperrgitter halten würden. Inzwischen kannte man dank der Wochenschauen auch in Österreich die Aufnahmen von hysterischen, tränenüberströmten, zusammenbrechenden jungen Mädchen und den regelrechten Verfolgungsjagden, die sich die Beatles mit ihren Fans lieferten – übrigens das Thema des ersten Beatles-Films „A Hard Days Night“, zu dem die Macher von den Vorkommnissen inspiriert worden waren, die sich am 13. Oktober 1963 in London, nach dem Fernsehauftritt in der englischen Sonntagabendshow „Val Parnell’s Sonntagnacht“ vor dem berühmten „Palladium“ abgespielt hatten. Deshalb hatten sich die Salzburger Ordnungskräfte gut vorbereitet.

     Aber die österreichische Variante der „Beatlemania“ war von erstaunlicher Selbstbeherrschung und Zurückhaltung geprägt. Zwar küssten später einige weibliche Fans den nassen Betonboden des Flugfeldes, über das die „Fab Four“ zu ihren Limousinen geschritten waren, doch ansonsten hielt sich die  Menge zurück. Die Polizisten schauten sich das Spektakel mit zunehmender Entkrampfung an, und selbst als es plötzlich mitten in der Menge zu einem kleineren Tumult kam, hielt sie sich zurück.

     Dieser Tumult war durch eine kleine Gruppe Protestler entstanden. Peter Kreisky, der Sohn des späteren österreichischen Bundeskanzlers Bruno Kreisky, war einer ihrer Rädelsführer. Er hielt ein Banner hoch („Beatles go home!“) und die Blaskapelle einer Mittelschule versuchte tapfer, das Kreischen und den Jubel zu übertönen. Der Grund für diesen Protest war mit hoher Wahrscheinlichkeit ein damaliger Bestseller des amerikanischen Publizisten und Soziologen Vance Packard, der in seinem Werk „Die geheimen Verführer“ die unheilvolle Verbindung zwischen Werbung und dem Unterbewusstsein beschrieb und auf die Möglichkeiten und Gefahren der Fremdbestimmung hinwies. Genau das prangerten die Demonstranten um Kreisky jun. herum an: Die Massenhysterie, die praktisch jeden öffentlichen Auftritt der Beatles begleitet hatte, empfanden sie „als Attacke aufs Unterbewusstsein“. Aber sie standen trotz der Blaskapelle auf verlorenem Posten, denn plötzlich hagelte es von allen Seiten Schneebälle. Darauf hin flüchteten die Demonstranten – die Motoren der Wasserwerfer blieben stumm.

     Am nächsten Tag las ich dann in den „Salzburger Nachrichten“ die Schlagzeile: „Das hat Salzburg noch nicht gesehen“.

Bevor die Beatles mit ihrem Gefolge dann einen Bus bestiegen, der sie mit ihrem Hofstaat über die lawinengefährdete Passstraße nach Obertauern auf 1700 Meter Höhe chauffieren sollte, gaben sie im „Österreichischen Hof“ in Salzburg noch rasch eine Pressekonferenz, die sie zu einer ihrer berühmten und chaotischen, wenn auch ziemlich witzigen, Selbstinszenierungen nutzten – und die ein Vorgeschmack dessen war, was in den folgenden zwei Wochen auf unser Bergdorf zukommen sollte. Ein paar der damaligen Dialoge lassen sich heute noch in den Zeitungsarchiven finden: „Was wissen Sie über Mozart?“, fragte einer der Reporter. John Lennons Antwort: „Mozart? Wunderbar. Wie geht es ihm?“ Eine andere Frage lautete: „Würden Sie denn auch in Österreich auftreten?“ George Harrison sagte: „Warum nicht, wenn die Kasse stimmt!?“ – „Was würden Sie denn verlangen wollen?“ – „Zehn Pfennige“, sagte Harrison, der unsere Währung, den Schilling und den Groschen offenbar nicht kannte. Aber Pfennige, die kannte er noch aus seiner Zeit in Hamburg, wo ja auch deutsch gesprochen wurde.

Am Berg mit den Beatles

Die Rechnung des Bandmanagers Brian Epstein (der leider schon zwei Jahre später an einer Überdosis Schlaftabletten starb) schien zunächst aufzugehen. Die meisten von uns hier oben auf der Passhöhe hatten ja bis dahin kaum etwas von den Beatles gehört oder gesehen. Als der Bus vor dem „Hotel Edelweiß“ hielt, in dem die Beatles einquartiert waren (die Filmcrew logierte dagegen im „Hotel Marietta“), argwöhnten einige Einheimische, dass es sich bei den „Langhaarigen“ vielleicht doch um „Weibsleut’“ handeln könnte. Aber als bereits am nächsten Morgen um neun Uhr am Kitzbühellift die erste Filmklappe geschlagen wurde, stellten sich zwei Dinge heraus: Erstens handelte es sich bei den Beatles zweifelsfrei um vier junge Männer. Und zweitens handelte es sich bei den Beatles um vier unglaublich sympathische und höfliche, alberne und zappelige junge Männer. Heute würde man wohl sagen: Die Beatles waren irgendwie „total durchgeknallt“.

     Mein Vorteil war, dass mich meine Ausbildung zum Hotelkaufmann auch nach England geführt hatte. Ich konnte daher mehr als nur ein paar englische Floskeln radebrechen, und wahrscheinlich hat auch dieser Umstand dazu beigetragen, dass ich diesen Job als Double und Stuntman bekommen habe. An Drehtagen gab es 1000 Schillinge auf die Hand, an den drehfreien Tagen wurden 700 Schillinge gezahlt – und das war für uns alle damals eine schöne Stange Geld.

     Ich wollte meine Gage in unsere kleine Pension investieren, die meine Eltern im Jahre 1958 auf ihrem ererbten Almgrundstück errichtet und sukzessive ausgebaut hatten – dort, wo heute unser „Hotel Kesselspitze“ steht. Meine Eltern waren in jenem Jahr aus Untertauern herauf die Passspitze gezogen, aus wirtschaftlichen Gründen, die Arbeit war knapp und sie wollten es mit der Selbstständigkeit versuchen. Aus zwei Doppelzimmern waren zunächst sechs und nun – im Jahre 1965 – bereits acht Zimmer geworden, die in der Skisaison hauptsächlich von Stammgästen belegt waren. Ich selbst hatte meine Ausbildung zum Skilehrer 1959 beendet und hatte dann parallel hierzu in den darauf folgenden Sommern meine Hotelkaufmanns-Lehre absolviert.

     Und jetzt stand ich mit Paul McCartney am Kitzbühellift, umgeben von zahllosen Menschen, die alle mit wichtigen Gesichtern durcheinander wieselten, das sie ja selbstverständlich alle auch irgendetwas mit den Dreharbeiten zu tun hatten. Wir vier Doubles waren im „Hotel Marietta“ eingekleidet und geschminkt worden. Wir trugen nun alle dieselben dunklen Kapuzenkostüme wie die Beatles, wir hatten dieselben Sonnenbrillen auf den Nasen: ja, wir sahen den vier Popstars tatsächlich zum Verwechseln ähnlich. An diesem ersten Drehtag stürzte die frisch verheiratete Maureen Starkey auf „ihren Ringo“ zu, um ihm nach einer kurzen Szene, die erfolgreich im Kasten gelandet war, einen Kuss zu geben. Dieser Kuss fiel recht impulsiv aus – Ringos Double Hans Pretscherer hatte nicht einmal die Zeit gehabt, zu reagieren, und die kesse Maureen bemerkte ihren Irrtum erst, als es schon passiert war.    

     Solch ein kleiner, lustiger Zwischenfall vertrieb uns für ein paar Minuten die Langeweile, denn wir mussten häufig warten. Eigentlich sogar ewig lange warten. Das Warten, das hatten wir rasch gemerkt, gehörte in den ersten Tagen sogar zu unserer Hauptbeschäftigung, was jedoch nur in zweiter Linie an der akribischen Arbeitsweise des Regisseurs Richard Lester lag. Denn in erster Linie hatten die vier Hauptdarstellern ihren Heidenspaß daran, mitten in einer Kameraeinstellung die laufende Szene abzubrechen und zu einer spontanen „Teatime“ zu bitten. Für die Filmcrew – allen voran für den Regisseur Richard Lester und seinen Ersten Kameramann David Watkin – hieß das: Nerven bewahren – „und alles zurück auf den Anfang!“ Denn Lester arbeitete zumeist mit mindestens drei Kameras (von denen er häufig selbst eine führte), um die jeweilige Szenen aus verschiedenen Blickwinkeln aufnehmen zu können. Doch das ständige Kasperltheater seiner Hauptdarsteller schien ihm nichts auszumachen, im Gegenteil: Ich stand einmal neben ihm, als er einem Zeitungsreporter den Unterschied zwischen seinem ersten und seinem zweiten Beatlesfilm erklärte. „A Hard Days Night“ sei ein sehr realistischer Film gewesen, meinte Richard Lester, „aber ‚Help!’ ist eher surrealistisch. Stellen Sie sich einfach einen Comicstrip vor, der in Bewegung gerät – verstehen Sie?“

     Vor den Beatles hatte es keine vergleichbaren Popstars gegeben. Schon am zweiten Drehtag wurde es daher auf dem Set immer voller. Mehrere Dutzend Journalisten waren inzwischen angereist, um über die Dreharbeiten und das Drumherum zu berichten. Und auch immer mehr Fans trafen in Obertauern ein, Tagestouristen, die zumeist in Gruppen mit gecharterten Bussen anreisten, um einen Blick auf ihre Idole zu erhaschen oder sogar – mit viel Glück und Durchsetzungsvermögen – auf Tuchfühlung zu gehen und ein Autogramm abzustauben. Zum Schluss waren es Tausende. Sogar ein paar der Demonstranten um Peter Kreisky tauchten auf und schwenkten – allerdings aus sicherer Entfernung – ihre Banner: „Beatles go home“. Das dürften auch nicht wenige der „normalen“ Urlaubsgäste im „Hotel Marietta“ gedacht haben, wo die Filmcrew die hauseigene Bar – den „Schistall“ – bereits vom ersten Drehtag an okkupiert hatte, um dort nach Drehschluss spontane „Kneipenabende“ zu zelebrieren.

     Eine deutsche Touristin, deren Name mit Anneliese Müller angegeben wurde, schaffte es, während einer kurzen Szenen-Besprechung am Berg auf Skiern in unseren Pulk hinein zu fahren. Sie rammte John Lennon – zum Glück ohne größere Folgen. Beide fielen in den Schnee und die Kameras der Fotografen klickten. An ein Versehen wollten wir daher alle nicht glauben, denn es wäre auf der Piste genug Platz vorhanden gewesen, um an unserer Gruppe vorbei zu fahren. So machte rasch das Gerücht die Runde, diese „Anneliese Müller“ hätte sich von einem oder mehreren Reportern für die Karambolage bezahlen lassen.

     Wenn ich dann mit Paul McCartney gemeinsam Ski fuhr, waren wir ab und zu gezwungen, die Rollen zu tauschen. Dank der Perücke und der dunklen Kleidung sah ich ihm ja wirklich zum Verwechseln ähnlich, und wenn uns die Fans dann einmal am Berg entdeckten und bedrängten, zeigte er mit dem Skistock auf mich und behauptete, dass ich Paul McCartney sei – worauf hin ich dann in gespielter Panik losbrettern musste, um „zu fliehen“…

     Obertauern versuchte jedoch, Contenance zu bewahren, keinesfalls durchzudrehen und möglichst so gemütlich und gastfreundlich zu bleiben, wie es bis dahin immer gewesen war. Die einheimischen Wirte freuten sich natürlich über die zusätzlichen Tagesgäste, und ansonsten herrschte die Meinung vor, dass dieser „Ausnahmezustand“, der ja de facto nicht einmal einer war, sowieso bald vorüber sein würde.

     Die Beatles selbst zogen sich in den Drehpausen mit ihren Frauen immer häufiger auf ihre Zimmer im „Hotel Edelweiß“ zurück (die noch heute  als „Beatles-Zimmer“ gebucht werden können). Es waren sehr hübsche junge Frauen, gewiss, aber uns wären sie alle ein bisschen zu dünn gewesen.

     Viele Monate später, als „Hi-hi-Hilfe!“, von der Kritik müde belächelt, von den Fans aber enthusiastisch gefeiert, längst erfolgreich in den Kinos lief (die österreichische Premiere wurde am 7. Januar 1966 im Wiener Kosmos-Kino gefeiert), sollte sich vor allem John Lennon nicht besonders wohlwollend über den zweiten Beatles-Film äußern: Sie, die Beatles, ohnehin „populärer als Jesus“ (wie er es ausdrückte), seien mit dem Ergebnis „nicht glücklich gewesen“, sagte er der englischen Presse. „Die Dreharbeiten haben allerdings viel Spaß gemacht, doch das lag wohl eher daran, dass wir von früh bis spät Marihuana geraucht haben.“ Lennon beklagte auch, dass sie als „Nebendarsteller in ihrem eigenen Film agiert hätten.“

     Vermutlich hatte John Lennon mit seinem selbstkritischen Blick sogar recht, denn ein Kritiker schrieb beispielsweise nach der Filmpremiere: „Intelligenter Witz und Slapstick, Agentenfilm-Einlagen mit Falltüren, wilden Erfindungen, Verkleidungen, Giftgas, Science-Fiction-Waffen garniert mit sehr persönlichen Liebesliedern – das war wohl doch etwas zuviel des Guten.“

     Nur Paul McCartney konnte sich nicht mit seiner Freundin auf sein Zimmer zurück ziehen, denn er war ja solo angereist. Ich konnte ihm daher in den Drehpausen ab und zu ein wenig Skiunterricht geben. Aber das sollte sich in jenem Augenblick ändern, als Gloria die große Bühne betrat: Gloria Mackh, deren Eltern das „Hotel Marietta“ führten – die amtierende Miss Österreich und ganzer Stolz Obertauerns.

Party mit Flügel

Gloria – oder „die Gigi“, wie wir sie in Obertauern nannten – war kurz vor den Dreharbeiten zu „Help!“ aus den USA zurück nach Hause gereist, um ihre Eltern mit ihren guten Englischkenntnissen bei der Betreuung der Filmcrew zu unterstützen.

     Sie entstammte einer ausgesprochen musikalischen Familie. Ihre Mutter Marietta war eine ausgebildete Sängerin, Pianistin und Akkordeonspielerin, deren stimmliches Repertoire von der Arie über den Jazz bis „hinunter“ zum Jodeln und „Stanzeln“ reichte. Die Mackhs hatten in den 40er Jahren die berühmte „Mariette-Bar“ in Wien besessen, in der gleich zwei Bösendorfer-Flügel aus der berühmten Wiener Klaviermanufaktur auf der kleinen Bühne standen. In den 50er Jahren gab Marietta Mackh dort regelmäßige Liederabende; bevorzugt mit Gerhard Bronner an ihrer Seite, einem der bekanntesten österreichischen Komponisten und Liedschreiber, der auch als ein hervorragender musikalischer Kabarettist galt.

     Und nun, nachdem sie die „Marietta-Bar“ in der Hauptstadt 1955 verkauft hatten, führten die Mackhs – nach einer Zwischenstation über das „Sporthotel Marietta“ am Wörthersee – ihr „Hotel Marietta“ in Obertauern, das mit dem „Schistall“ eine beliebte und gut besuchte Bar beherbergte, in der auch getanzt werden konnte. Eine hauseigene Band, die die damals angesagten Hits coverte, spielte dort während der Saison jeden Abend auf, und selbstverständlich stand auch der weit gereiste „Bösendorfer“ der Familie auf der Bühne. Je länger die Dreharbeiten dauerten, desto häufiger kamen dort die Filmcrew und nicht selten auch die Hauptdarsteller zusammen – natürlich immer ungeplant, ganz spontan und nicht immer zum Vergnügen der übrigen Hotelgäste. Schließlich gab es immer einen Grund zum Feiern – Geburtstage, Ankünfte, Abschiede oder auch eben nur ein „besonders gelungener, erfolgreicher Drehtag“.  

     Für die Fans der Beatles waren dies die Momente, ihren Idolen noch näher zu kommen. Ganz nahe. Je mehr Alkohol floss, desto mehr Gäste quetschten sich in den „Schistall“, desto wilder wurden auch die Partys, und ganz ehrlich: Ich habe wohl noch nie so viele leere Whiskyflaschen auf den Tischen gesehen wie damals. Zumeist geriet die feucht-fröhliche Gesellschaft bereits weit vor Mitternacht außer Rand und Band; vor allem dann, wenn sich die Beatles kurzerhand dazu entschlossen, die Hotel-Combo für ein paar kurze musikalische Einlagen abzulösen. Einmal versuchte eine junge Frau „ihrem Beatle“ Ringo Starr, nach solch einem Kurzauftritt mit einer Friseurschere spontan die langen Haare zu stutzen – worauf hin Ringo dem Mädel schmerzhaft in den Finger biss. Seine Haare blieben, wo sie waren. Und sie blieben lang.

     Die sportliche „Gigi“, die  als amtierende „Miss Austria“ 1964 zur Wahl der „Miss Universum“ in Miami antrat (wo sie allerdings nicht gewann), hatte in den USA bereits vorher als professionelle Wasserskiläuferin gearbeitet; im Winter wurde sie von der gut betuchten amerikanischen Prominenz als private Skilehrerin gebucht und flog zwischen den Bundesstaaten Vermont (Mt. Snow) und Colorado (Aspen) hin und her. Man kann also sagen, dass die ausnehmend hübsche und sympathische „Gigi“ schon so etwas wie die große, weite Welt verkörperte, wobei sie nun hier daheim – im beschaulichen Obertauern – zu keiner Zeit die Bodenhaftung verlor.

     Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass sie schon kurz nach Beginn der Dreharbeiten verdächtig oft mit Paul McCartney ihren Kopf zusammen steckte, der ja im Gegensatz zu den anderen Beatles ohne weibliche Begleitung angereist war. Sie war immer dabei: „Gigi“ mit den Beatles beim Eisstockschießen, mit Paul gemeinsam auf der Piste (wie sollte ich als Mann ihrem Charme etwas entgegen setzen können?), mit Paul im „Schistall“, mit Paul Händchen haltend am Set und schließlich mit Paul ganz prominent in der Zeitung: auf einem großformatigen Bild, das die beiden in einer kuscheligen, wärmenden und freundschaftlichen Umarmung zeigt, aber wer ganz genau hinschaut, wird dahinter mit Sicherheit ein bisserl mehr als nur eine Skikameradschaft erkennen.

Mit „A Hard Day’s Night“ und „Help“ sollte Richard Lester eine ganz neue Art von Musikfilm kreieren. Bis dahin hatten sich Musikfilme nur dadurch „ausgezeichnet“, dass die Handlung prinzipiell ziemlich fade war und lediglich als Plattform diente, um ein neues Album, den Star oder eine Band zu promoten. Doch jetzt wob Lester die Handlung mit der Musik zusammen. Das hieß, dass die Songs plötzlich „Sinn machten“, denn sie fügten sich ebenso nahtlos wie logisch in den Film ein und funkelten nicht mehr als Solitäre. Ein weiterer großer Unterschied zu früheren Musikfilmen bestand darin, dass die Beatles nicht bei allen in den Film eingebauten Songs vor der Kamera stehen und spielen mussten. Lester setzte es durch, dass die Musik der Beatles konsequent auch als Hintergrundmusik verwendet wurde.

     In „Help!“ führten die Beatles somit lediglich sechs neue Songs vor der Kamera auf, die man heute jedoch ohne weiteres als (für die damalige Zeit zukunftsweisende) Musikvideos bezeichnen kann. Denn Lester, der trotz des ungeheuer „kreativen Chaos’“ um ihn herum ein Perfektionist war, filmte stets aus mehreren Perspektiven, aus bis dato unbekannten Blickwinkeln, setzte ganz bewusst Unschärfen und Kamerawackler ein, dazu jede Menge Stopp-Tricks und Zeitlupen, spielte mit dem Licht, und er liebte geradezu Großaufnahmen von Gesichtern, Köpfen, Händen oder auch nur Ausschnitten von Gesichtern. „Wenn ich manche Bilder durch Gitterstäbe, Fenster oder ähnliches hindurch filme, ist dies meine Interpretation vom eingeengten Leben, das die Beatles führen“, sagte der Regisseur in einem Interview.

     Eines Tages stand dann plötzlich der legendäre „Bösendorfer“ im Schnee. Ich weiß nicht, ob Lester den Einsatz des Flügels aus dem „Schistall“ als Requisite geplant oder ob es sich lediglich um einen seiner vielen spontanen Einfälle gehandelt hatte. Doch das daraus entstandene Musikvideo des Songs „Ticket to Ride“ – den John Lennon später als den „ersten echten Hard Rock-Song“ in der Musikgeschichte beschrieb – trug sicherlich mit dazu bei, dass „Ticket to Ride“ in den englischen und amerikanischen Charts ein Nummer–Eins-Hit werden konnte.

Dieser Abend nach Drehschluss sollte ein ganz Besonderer werden. Diesmal hatte der Regieassistent Clive Reed Geburtstag und irgendwie kreisten noch mehr Flaschen im „Schistall“ als üblich. Etwa 100 Gäste drängelten sich gegen 21 Uhr in der Hotelbar, und je später es wurde, desto voller wurde es. Etwa gegen 22 Uhr erschienen auch die „Fab Four“ (was wie immer ungeplant war), um Mitternacht quetschten sich bereits mindestens 200 Menschen im „Schistall“ – und dann geriet diese Geburtstagsparty mit einem Mal völlig aus den Fugen…

     Es war kurz vor ein Uhr in der Nacht, als die Beatles entschlossen die Bühne der stürmten, auf der die Hotel-Combo bis dahin tapfer geklimpert hatte. Zunächst stimmten sie ein paar Cover-Versionen bekannter Klassiker an, wie etwa „Summertime“ oder „Fly Me to the Moon, bevor sie dann eine Zeitreise in ihre eigene musikalische Vergangenheit antraten, die sie in Hamburg begannen („My Bonnie is Over the Ocean“, „Love Me Do“) und mit ihren aktuellen Hits enden lassen wollten. Die Beatles drehten die Verstärker bis zum Anschlag auf und der „Schistall“ brodelte, während sich draußen an der Rezeption zunehmend Hotelgäste über den „infernalischen Lärm um nachtschlafende“ beschwerten. Aber was sollte der arme Portier machen? Niemand ging aus dem „Schistall“ heraus, aber es kam auch niemand mehr in die Bar hinein – und demjenigen, der den Stecker tatsächlich gezogen hätte, wäre nach dieser heroischen Tat ganz bestimmt nicht zum Feiern zumute gewesen…

     Zu diesem Zeitpunkt war noch niemandem klar, dass dies ein wirklich historischer Abend (oder besser, eine historische Nacht) sein würde. Denn es sollte sich um das einzige Konzert handeln, dass die Beatles jemals in Österreich absolvierten. Und wahrscheinlich hätten sie damals die ganze Nacht durchgespielt, wenn nicht gegen halb Vier Uhr morgens die hauseigene Musikanlage ihren Geist aufgegeben hätte. Da waren bereits einige Saiten des „Bösendorfer“ gerissen und Ringo Starr hatte mehrere Schlagzeugfelle kaputt getrommelt. Aber es war eine Konzertnacht, auf die Obertauern bis heute – und sicher nicht zu Unrecht – stolz ist.

Doch was wurde aus „Gigi“ und Paul? Als die Hotelierstochter später zu Werbezwecken einmal die „Bösendorfer-Fabrik“ besuchte, gab sie einem Magazin ein Interview: „O ja“, sagte sie damals, „ich hatte in den Filmpausen einige sehr lustige Unterhaltungen mit Paul und John und manchmal stellte ich die beiden auch auf Bretter, um ihnen zumindest die Grundlagen des Skilaufens beizubringen. Paul wollte mich dann nach den Dreharbeiten nach England mitnehmen – aber ich hatte ja meine Verträge in den USA zu erfüllen…“

Was bleibt

Man stelle sich einmal vor, „Help!“ wäre heutzutage in Obertauern gedreht worden. Bestimmt würde es dann vor Sicherheitskräften nur so wimmeln; auch die Beatles wären höchstwahrscheinlich (fast) komplett abgeschottet gewesen. So gesehen waren es damals, vor nunmehr 50 Jahren, zwar ausgesprochen wilde zwei Wochen in Obertauern, aber es waren doch „Stars zum Anfassen“, und der Ort normalisierte sich rasch wieder, nachdem die Filmcrew abgereist war. Damit will ich jedoch nicht sagen, dass Obertauern wieder in eine Art provinziellen Winterschlaf zurück fiel, aber von uns Hoteliers (und angehenden Hoteliers) kam tatsächlich niemand auf die Idee, die Dreharbeiten zu „Help!“ für eine PR-Kampagne auszuschlachten. Nein, für hatte es sich mit den Dreharbeiten lediglich um eine aufregende, spannende „Unterbrechung“ der Skisaison gehandelt, und wir besannen uns nun rasch wieder auf all das, was Obertauern touristisch schon immer ausgezeichnet hatte: eine gewisse Gemütlichkeit, verbunden mit Ruhe, guter Bergluft, Gastlichkeit und natürlich seinen exzellenten Bedingungen fürs Skifahren. Wobei man allerdings sagen muss, dass wir damals im März 1965 schon ein exorbitantes Glück mit dem Wetter gehabt hatten. Denn zu einem schneesicheren Ort gehört es nun mal dazu, dass es öfter schneit als anderswo, aber in jenen Tagen, als „Help!“ gedreht wurde, setzte sich immer wieder die Sonne durch…

     Jeder von uns trägt bis heute seine ganz eigenen Erinnerungen daran herum, dass die berühmteste und erfolgreichste Band der Welt einmal für 14 Tage bei uns hier oben auf dem Tauernpass zu Gast gewesen ist. Und wenn ich an eine ganz besondere Begebenheit zurückdenke, überkommt mich dabei fast schon so etwas wie ein schlechtes Gewissen: Denn einmal fuhr das gesamte Team hinunter zum Bahnhof in Radstadt. Das Drehbuch sah eine Szene vor, dass der verrückte Wissenschaftler, der den geheimnisvollen Ring in der Zwischenzeit kurzfristig wieder einmal an sich genommen hatte, als Schneemann ver-kleidet vom einem einfahrenden Zug abspringen und weglaufen sollte. Die Beatles wiederum sollten in ihren schwarzen Kostümen ganz vorne am Zug stehen, den Schneemann entdecken und sich nicht ganz schlüssig sein, ob sie ihn nun verfolgen sollten oder nicht…

     Radstadt befand sich im Ausnahmezustand. Natürlich war auch der Bahnsteig, auf dem gedreht wurde, hermetisch abgeriegelt worden. Immerhin durften die Passagiere noch im hinteren Bereich des Bahnsteigs aussteigen – denn es war ja ein re-gulärer Zug. Der vordere Teil des Bahnsteigs jedoch war einzig und allein für die vier „Pilzköpfe“ reserviert. Mit der kleinen Einschränkung, dass es sich dabei um uns Doubles handelte – worauf es zu einer denkwürdigen Begegnung kam: Als der Zug eingefahren war, sprang der Schaffner aus dem Waggon, stand plötzlich neben uns und schaute uns verwundert an. Wir sahen, wie es in seinem Kopf ratterte. Er schnippte mit den Fingern und sagte dann: „Mei, ihr seid’s die Beatles, nicht wahr?“ Er kramte seine Englisch-kenntnisse zusammen: „May I have ein Autogramm please?“

     Wir sahen uns an und sagten: „Sure you can have an ‚Autogramm’!“

     Darauf hin zückte der Schaffner, rotwangig vor Aufregung seine Mappe, nahm einen Block und einen Stift heraus und dann kritzelten wir, einer nach dem anderen, unsere Namen aufs Papier: Franz Bogensperger, Gerhard Krings, Hans Pretscherer, Herbert Lürzer.

     Er bedankte sich überschwänglich bei uns, aber der Zug musste pünktlich abfahren – mit einem Schaffner an Bord, der vor Stolz sicherlich beinahe platzte. Denn er war jetzt sicherlich der einzige Zugbegleiter auf der ganzen Welt, der ein Originalautorgramm von allen vier Beatles ergattern konnte.   Im „Sporthotel Edelweiss“ können die Gäste zwar noch immer die „Beatles-Zimmer“ buchen (wie schon gesagt), aber außer einigen Fotos, die hier und im „Hotel Marietta“ an den Wänden hängen, existieren keine Devotionalien aus jener Zeit.

     Allerdings hätte ich es schön gefunden, meinen ehemaligen Skischüler Paul McCartney noch einmal persönlich zu treffen.  Wir, die vier Stuntmen und Doubles der Beatles, waren ja leider nicht einmal zur Filmpremiere nach Wien eingeladen worden (wo die Jungs ebenfalls nicht auftauchten).

     Ich habe mich jedoch im vergangenen halben Jahrhundert des Öfteren um eine Kontaktaufnahme bemüht; zumeist dann, wenn ein Jubiläum wie das jetzige anstand. Aber das Management hat meine Anfragen offenbar niemals weiter geleitet.

     Und einmal, es mögen vielleicht 30 Jahre her sein, lag ich im Urlaub auf einem gecharterten Segelboot in Kroatien neben einer englischen Jacht. Die Eigner stammten aus Liverpool, und darauf hin erzählte ich den Segelnachbarn von meinem Ausflug ins Filmgeschäft. „Kein Problem“, sagte darauf hin die Engländerin, „Paul McCartney ist doch mein Nachbar! Ich werde ihm mal Bescheid sagen.“

     Heute kann ich daher sagen: Ich habe nichts unversucht gelassen. Doch die „50 Jahre Beatles in Obertauern“ feiern wir trotzdem.

Was aus den Beatles wurde

Mit rund 1,3 Milliarden verkaufter Platten sind die Beatles die erfolgreichste Band aller Zeiten. Und ihr musikalischer Einfluss ist bis heute hör- und spürbar. Das ist umso erstaunlicher, weil die Band eigentlich nur zehn Jahre lang in ihrer endgültigen Formation zusammen spielte und sich in der zweiten Hälfte der 60er Jahre häufig zerstritt.

Sie galten als „Ikonen“ in einer Zeit, als die „Friedens- und Hippebewegung“ begann; als die Menschen überall in der westlichen Welt gegen den Vietnam-Krieg auf die Straße gingen und die USA von schweren Rassenunruhen erschüttert wurden. Ein Musikjournalist schrieb: „Die Botschaft der Beatles ging über die Songs hinaus; es war ihre gesamte Herangehensweise und Einstellung zum Leben: Freiheit, Selbsterkenntnis und Selbstentfaltung standen an oberster Stelle. Eine Botschaft, die der vieler religiöser Lehren ähnlich ist…“

Den Beatles voran schritt John Lennon, der zusammen mit Paul McCartney die erfolgreichsten Songs komponiert hatte. Er war sicherlich der experimentierfreudigste der „Fab Four“, dem seine erzwungene, öffentliche Rolle als „Heilsbringer“ als ersten völlig überforderte. Ihm setzte die Hysterie der „Beatlemania“ besonders zu, denn Lennon spürte, dass sie sich negativ auf ihre Musik und ihre Kreativität auswirkte. Vermutlich war es John Lennon, der es 1966 hauptsächlich durchsetzte, keine Tourneen mehr zu absolvieren, sondern nur noch im Tonstudio zu arbeiten – worauf hin mit dem „White Album“, „Sgt. Peppers Loneley Heartsclub Band“ und schließlich „Abbey Road“ unvergessliche Alben entstehen konnten. Experimentierfreude bedeutete auch „spirituelles Reisen“ mit Hilfe von Drogen, von denen die Beatles der Welt dann musikalisch berichteten.

Ihren letzten Live-Auftritt absolvierten die „Fab Four“ am 30. Januar 1969 – sie spielten gerade mal 40 Minuten auf dem Dach ihrer Plattenfirma „Apple“ in London. Anlass hierfür war die Veröffentlichung ihres letzten Albums „Abbey Road“ (das Plattencover, das die vier Beatles auf einem Zebrastreifen zeigt sollte berühmt werden), auf dem mit „Octopus’s Garden“ und „Here Comes the Sun“ auch Stücke von Ringo Starr und George Harrison zu hören sind. Der Plan, diese Plattenveröffentlichung mit einem Dokumentarfilm und einer Tournee zu begleiten, scheiterte jedoch an den tiefen inneren Gräben, die sich mittlerweile unter den vier Beatles aufgetan hatten, worunter Paul McCartney wahrscheinlich am meisten litt. Die Plattenaufnahmen zu Abbey Road“ wurden ausgerechnet mit dem Song „The End“ abgeschlossen. Danach lösten sich die Beatles endgültig auf.

Kurz vor der offiziellen Trennung der Band 1969 heiratete John Lennon seine japanische Muse, die Avantgarde-Künstlerin Yoko Ono, die viele Beatles-Fans für die Trennung der „Fab Four“ verantwortlich machen. Lennon betätigte sich als kreativer Polit-Aktivist: „Lasst die Haare wachsen, bis endlich Friede herrscht auf Erden!“, sagte er während des (ersten von zwei) „Bed-ins“ im „Hilton Hotel“ Amsterdam (die zweite Friedensdemonstration dieser Art fand in Montreal statt), als die frisch Vermählten vom 24. März 1969 an eine Woche gemeinsam aus dem Bett heraus die Botschaft „Make Lave, not War“ verkündeten, um den Vietnamkrieg zu stoppen. In den folgenden zehn Jahren spielte Lennon mit der „Plastic Ono Band“ eine ganze Reihe von Alben ein. Sein bekanntester Song aus dieser Zeit ist mit Sicherheit „Imagine“, die „musikalische Vision einer Gesellschaft, die frei ist von Religionen, Nationalismus und Privateigentum“. Auf der Liste der „Besten 500 Popsongs“ des amerikanischen Musikmagazins „Rolling Stone“ steht Imagine auf dem dritten Platz. Am 8. Dezember 1980 wurde John Lennon, erst vierzig Jahre alt, von dem geistig verwirrten Attentäter Mark David Chapman vor dem Dakota-House am Central Park erschossen.

George Harrison produzierte 1970 mit „All Things Must Pass“ das erste Dreifach-Album der Popgeschichte vor. Die Single-Auskoppelung „My Sweet Lord“ wurde der erste Nummer-Eins-Hit eines Ex-Beatles. 1971 organisierte Harrison zusammen mit dem indischen Sitar-Virtuosen Ravi Shankar das „Conzert for Bangladesh“. Danach wurde es eine Zeit lang still um den introvertierten Musiker. Ende der 80er Jahre feierte Harrison jedoch ein Comeback und wurde Mitglied der erfolgreichen Formation „The Traveling Wilburys“. Am 29. November 2001 starb George Harrison an Krebs.

Paul McCartney, der kongeniale Songschreiber und ewige Antipode Lennons, hatte das Ende der Band nicht gewollt. Er reagierte enttäuscht, war gekränkt, zog sich auf seinen Landsitz vor den Toren Londons zurück, verfiel in Depressionen (und verfiel auch dem Alkohol). Seine Frau Linda, eine erfolgreiche Fotografin, die er 1969 geheiratet hatte, zog ihn aus dem Sumpf (sie bekamen zusammen drei Kinder). Anfang der 70er Jahre gründete das Paar die Gruppe „Wings“ (Linda war Keyboarderin), die nach einem holperigen Start schließlich äußerst erfolgreiche Songs wie etwa „Band On the Run“, „Mull of Kintyre“, „Jet“ und „Live And Let Die“ einspielte, die Titelmusik zum achten James-Bond-Film. Am 17. April 1998 starb seine Frau Linda an Brustkrebs. Paul McCartney begann – natürlich erfolgreich – zu malen, komponierte aber auch weiterhin Musik. Er arbeitete dabei mit zahlreichen internationalen Rock- und Popgrößen zusammen (ein paar Mal auch mit George Harrison und Ringo Starr), engagierte sich für Hilfsorganisationen und den Tierschutz. 2002 heiratete McCartney das ehemalige Fotomodell Heather Mills, die 1993 von einem Polizeimotorrad angefahren worden war und dabei ihren linken Unterschenkel verloren hatte. 2008 wurde die Ehe jedoch nach einer beinahe zweijährigen Schlammschlacht wieder geschieden: McCartney musste seiner Ex-Frau schließlich 32 Millionen Pfund (rund 40 Millionen Euro) Abfindung zahlen. Er sollte diesen Verlust jedoch verschmerzen können: Sein Vermögen wird auf weit über eine Milliarde Euro geschätzt. Am 9. Oktober 2011 heiratete Paul McCartney seine Lebensgefährtin Nancy Shevell – an diesem Tag wäre John Lennon 71 Jahre alt geworden, was sicherlich auch ein Beweis dafür ist, wie sehr McCartney – trotz aller Gegensätze – Lennon vermisst. Er tourt noch immer durch die ganze Welt – und spielt auf allen seinen Konzerten sogar inzwischen wieder Songs der Beatles. „Yesterday“ ist vermutlich der meistgespielte Popsong aller Zeiten.

Auch Ringo Starr veröffentlichte nach der Beatles-Ära zahlreiche Soloalben, an denen auch immer wieder seine Kollegen aus der Beatles-Zeit mitbeteiligt waren. Zwei seiner Singles wurden in den frühen 1970er Jahren zwar Nummer-1-Hits in den USA, doch der ganz große Durchbruch als Solokünstler sollte ihm trotz vieler guter Ansätze nie gelingen. Seit 1981 ist er mit der Schauspielerin Barbara Bach („Der Spion, der mich liebte“, 1977 )verheiratet, die er bei den Dreharbeiten zu der Steinzeit-Komödie „Caveman – Der aus der Höhle kam“ kennen lernte. Sie sind seit dem 27. April 1981 verheiratet, die Ehe ist kinderlos. Ringo Starr, dessen komplexes Können an den Drums jahrzehntelang von vielen Musikkritikern nicht erkannt und zum Teil sogar hämisch kommentiert wurde, macht weiterhin Musik und absolviert Tourneen. Ringo Stars Sohn Zacharia („Zak“) spielt übrigens auch Schlagzeug – er ist seit 1996 festes Bandmitglied bei „The Who“.

Von der großen Kunst, nicht zu schwitzen

Malaysia, Oktober 2013

Es ist dir vollkommen schleierhaft, warum dieser Mann nicht schwitzt. Warum sein khakifarbenes Hemd praktisch faltenfrei ist und makellos trocken, während deine Klamotten schon eine Viertelstunde nach dem Duschen klatschnass sind. Natürlich sind die Einheimischen das tropische Klima gewohnt, die konstanten Temperaturen von um die 30 Grad, verstärkt durch eine Luftfeuchtigkeit von annähernd 100 Prozent am Morgen, die sich dann im Laufe des Tages auf einigermaßen erträgliche 70 Prozent einpendelt. Aber du vermutest, dass es vielleicht auch daran liegen könnte, dass dieser Alex Lee, ein gebürtiger malaysischer Chinese, 50 Jahre alt, ziemlich tiefenentspannt ist. Denn er kann es sich leisten, die sprichwörtliche asiatische Emsigkeit und Hektik an sich vorbeiziehen zu lassen.

Die meisten Chinesen in diesem asiatischen Vielvölkerstaat haben es, wie Alex Lee, geschafft, jedenfalls wirtschaftlich gesehen. So war es schon immer: Die Malaien machen die Politik, die Chinesen die Geschäfte, und die Inder kümmern sich um den Dreck, entweder als Straßenkehrer oder als Rechtsanwälte. In Alex Lees Fall sind es mehrere Reisebüros und -agenturen, die dafür sorgen, dass seine Kinder auf ausländischen Eliteuniversitäten studieren können, während er sich hier, am Rand der Kleinstadt Penarik im nordöstlichen Bundesstaat Terengganu, seinen Lebenstraum erfüllen kann, den er stolz „Terrapurri“ nennt, das „Land der Paläste“. Einen Steinwurf nur von einem unglaublich breiten, unglaublich weißen und unglaublich menschenleeren Strand entfernt (den du dir lediglich mit ein paar Kühen teilen musst, aber die gehen nicht ins Wasser) hat Lee ein künstliches Kampung geschaffen, ein traditionelles Pfahldorf, für das er in ganz Malaysia jahrhundertealte Hütten ausfindig gemacht, demontiert und an dieser Stelle wieder aufgebaut hat.

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Der Pool wird von einem kompliziert anmutenden Wasserleitungssystem aus alten Reismühlen gespeist. Da liegst du dann, umnebelt von einem sauteuren dschungeltauglichen Mückenspray, kannst dich am psychedelischen Farbspiel der Blumen und Glühwürmchen kaum sattsehen, saugst kühle Kokosmilch mit dem Strohhalm aus einer frisch gepflückten Nuss und denkst, ja, dass du es dir schon immer genau so vorgestellt hast. Das Paradies. Deshalb verzichtest du auch höflich, aber bestimmt, auf Alex Lees spontane Einladung zu einer Fahrradtour ins knapp fünf Kilometer entfernte Penarik. Es ist einfach immer noch zu warm, und außerdem hast du ja schon ein paar Entdeckungen hinter dir, hier oben, im wilderen Nordosten des Landes.

Die Zweieinhalb-Millionen-Stadt Kuala Lumpur mit ihren Petronas-Türmen, wo du dich in den zahlreichen luxuriösen Einkaufspassagen um den Verstand shoppen könntest; Malakka an der Westküste, wo du auf Schritt und Tritt der prächtig renovierten Kolonialvergangenheit dieses Vielvölkerstaates begegnest, oder Borneo, die drittgrößte Insel der Welt, wo du zum Orang-Utan-Gucken in den Regenwald eintauchst und Schrumpfköpfe dich das Gruseln lehren: Das kennst du alles von irgendwoher (und sei es bloß aus dem Fernsehen), doch die beiden nordöstlichen Bundesstaaten Malaysias, Kelantan und Terengganu, sind zumindest gebrochen weiße Flecken auf der massentouristischen Landkarte, und wenn es hier mal laut und voll wird, dann liegt es immer an den chinesischen Reisegruppen. Der kleinere Rest der Reisenden, der sich hierher verirrt, vorwiegend westeuropäische und amerikanische Langnasen, sind zumeist erkennbar Individualtouristen, häufig „Backpacker“, Rucksack- und Ökotouristen also.

Sie sind anscheinend auf der Suche nach dem „wahren Asien“. Mit diesem Slogan – „Truly Asia“ – wirbt Malaysia um seine Gäste aus aller Welt. Und fast alle entscheiden sich für Kota Bharu, Hauptstadt des nördlichsten Bundesstaates Kelantan, als Ausgangspunkt für ihre Entdeckungsreise. So auch Claudia, 31, Erzieherin aus Schwerin, die sich gemeinsam mit sieben Freunden für etwa 80 Euro pro Tag einen einheimischen Führer geleistet hat und jetzt glücklich und sonnenverbrannt bei literweise Eistee (in diesem konservativsten aller malaiischen Sultanate musst du auf alkoholische Getränke verzichten) auf der Terrasse des New Horizon Garden Restaurants ihren einwöchigen Trip in die weitere Umgebung der Provinzhauptstadt Revue passieren lässt. Am liebsten, sagt Claudia, würde sie hier im ärmellosen Shirt und kurzen Hosen sitzen, aber sie habe gemerkt, dass es den Einheimischen gegenüber einfach respektvoller sei und besser ankomme, sich etwas bedeckter zu kleiden, gerade als Frau.

Es ist kein herausgeschmissenes Geld, sich einen Guide zu mieten, der genau weiß, wo es langgeht in der Provinz, auch wenn du mit Englisch im Grunde prima durchkommst. Die Briten haben als letzte Kolonialmacht Malaysia schließlich erst 1963 in die endgültige Unabhängigkeit entlassen. Seitdem wählen neun Adelsträger alle fünf Jahre im Rotationsprinzip einen König aus ihren Reihen, der zwar nicht viel zu sagen hat, aber er eint das Volk und sorgt dafür, dass die vielen unterschiedlichen Religionen weitestgehend friedlich nebeneinanderexistieren.

Vom Islam geht hier also keine Gefahr aus, aber du selbst würdest mit Sicherheit Gefahr laufen, an einigen der vielen Attraktionen, die Kelantan zu bieten hat, einfach vorbeizufahren: zum Beispiel an den Naturschutzgebieten in den Distrikten Pasir Puteh, Jeram Pasu, Lata Rek und Lata Renyok mit ihren atemberaubenden, zerklüfteten Wasserfällen. Der spektakulärste Wasserfall bei Lata Beringin ist immerhin ganz gut ausgeschildert, aber der ist ja auch 120 Meter hoch.

Der Guide kennt die interessantesten buddhistischen Tempel: etwa den liegenden Buddha von Wat Photivihan in der Nähe von Kampung Jambu, mit gut 40 Metern vom Kopf bis zu den Füßen überhaupt einer der längsten liegenden Buddhas in Südostasien, oder den Drachenboottempel Wat Mayisu Wankiri bei Bhuket Tanah, wo dir ein frecher, sitzender Buddha beide „Stinkefinger“ entgegenreckt… Der Guide weiß ebenfalls, welche Bootsvermietungsfirmen dich nicht übers Ohr hauen, solltest du Lust auf die stundenlange Fahrt den Sungai Kelantan hinauf nach Dabong verspüren, auf dem du an zahllosen Dörfern vorbeigleitest und Kilometer um Kilometer intensiver konfrontiert wirst mit dem „wahren Asien“ und seiner freundlichen Bevölkerung.

Der Guide wird dich auch zu den besten Badeplätzen der Region führen: an den Pantai Seri Tujuh (Strand der sieben Lagunen), den Pantai Irama (Strand der Melodie) und natürlich an Kelantans berühmtesten Strand Pantai Cahaya Bulan, wo du dich zum Übernachten bloß zwischen einfachen „Nur-Dach-Hütten“ über preiswerte Pensionen bis hin zu einem Resort mit Tennisplätzen und Golfplatz entscheiden musst. Und schließlich hat der Guide für dich dieses unauffällige Restaurant in der 300.000 Einwohner zählenden Stadt herausgesucht, wo du das vermutlich beste Zitronenhuhn deines Lebens vorgesetzt bekommst. Die besten Garnelen in Safran. Und den besten gedünsteten Tintenfisch.

Das Essen spielt hier nicht nur eine große, es spielt die entscheidende Rolle im täglichen Leben. Malaien äßen immer, erzählt dir dein Guide, doch gerade in Kota Bharu mag dies auch daran liegen, dass die Provinzhauptstadt selbst nicht all zu viel zu bieten hat. Auch die Japaner sind hier 1941 im Krieg nach ihrer Landung rasch durchmarschiert; eine ihrer verrosteten Seeminen nebst einigen Maschinengewehren kannst du heute im „Kriegsmuseum“ besichtigen. Deshalb schleppt dich dein Guide vor der Weiterfahrt nach Penarik zu den luxuriösen Annehmlichkeiten von Alex Lees Terrapurri Heritage Village lieber noch rasch zum Wet Market, der all deine bisherigen Vorstellungen von Hygiene und Lebensmitteln über den Haufen wirft. Es ist ein dreistöckiger, achteckiger Bau, in dem beinahe 45 Grad herrschen, wobei schon das Erdgeschoss allein den Besuch wert ist: eine Ansammlung von kleinen Bühnen, auf denen bunt verschleierte Frauen ihre Waren anbieten, die meisten von ihnen mit einer Zigarette im Mundwinkel, die offenbar niemals verglimmt. Die Düfte von Obst und Gemüse, die Aromen zahlloser Gewürze vermengen sich mit den Gerüchen von frisch geschlachteten Hühnern und Lämmern und Fisch zu einer Art zähen Wolke, die dir schier den Atem raubt. Kühlung ist ein Fremdwort, das spärliche Eis, auf dem die Meeresfrüchte liegen, schmilzt in Minutenschnelle, und spätestens jetzt weißt du auch, warum die Malaien beim Braten, Frittieren und Kochen stets penibel darauf achten, dass die Speisen wirklich „durch“ sind.

Ein paar Stunden und eine Motorbootfahrt später entdeckst du ihn dann doch: den organisierten Tourismus, die sprichwörtlichen Busladungen lärmender Spaßgesellschaften, die sich nur auf Chinesisch verständigen und deren Mitglieder ihre Smartphones nur dann aus der Hand legen, wenn sie mit orangenen Schwimmwesten zum Schnorcheln ins kristallklare, 28 Grad warme Wasser des Südchinesischen Meeres plumpsen, um dem bunten Treiben der Korallenriffbewohner zuzuschauen.

Die Inseln Pulau Redang und Pulau Perhentian Besar, gut zwölf Seemeilen vor der Ostküste, gelten unbestritten als touristische Hotspots des nordöstlichen Malaysias. Die größere der beiden Inseln, Redang, ist dank Berjaya Air auch mit dem Flugzeug zu erreichen, aber die Motorbootfahrt vom Hafen Kuala Besut ist sehr viel aufregender.

Im Grunde ist die gesamte Insel ein einziges Urlaubsresort, wobei du dich zwischen verschiedenen Hotelanlagen unterschiedlichster Preis- und Güteklassen entscheiden kannst. In jedem Fall aber musst du den Malaien zugutehalten, dass sie diesen Naturschatz wenigstens schonend plündern. Denn sie sorgen dafür, dass weite Teile der Inselvegetation unberührt bleiben, und wer meint, beim Schnorcheln im seichten Wasser auf den empfindlichen Korallen herumtrampeln zu können, wird augenblicklich zurückgepfiffen.

Am Abend kannst du mit deiner Gruppe in einem der Holzstühle Platz nehmen. Nach 17 Uhr werden in den Hotelbars – Islam hin, Alkoholverbot her – auch harte Drinks ausgeschenkt, und so freust du dich auf einen entspannten Südseeabend. Leider haben deine chinesischen Mitbewohner etwas gegen die romantische Stille. Und so wetteifern nach Sonnenuntergang alle Resorts mit Live-Bands oder Technodisco, was vor allem eins ist: sehr laut. Etwas irritiert wendest du dich deshalb am nächsten Morgen an die charmante Managerin deines Laguna Redang Island Resorts. Wu Lei nickt verständnisvoll und bemüht sich um Diplomatie. Im August und September sei das große Unterhaltungsprogramm vorbei. „Dann ziehen wir auch schon mal den Stecker raus!“, verspricht Wu Lei, und das klingt auch sehr verdächtig nach Truly Asia.

Nice and Sleazy. Easy.

Key West, Februar 2014

Wie spät ist es? Welchen Tag haben wir heute? Ist eigentlich unwichtig. Es war wohl doch ein Mojito zu viel gewesen, gestern Nacht auf der Duval Street. Vermutlich waren es sogar zwei. Aber es gab ja auch so viel zu erzählen, vor allem über die neue Freundin, die Bella heißt und eine richtig tolle, glatte Haut hat, so wie ein Gummistiefel, und die so wahnsinnig zärtlich küssen kann.

Jedenfalls dann, wenn man bereit ist, 195 Dollar zu bezahlen, um eine Viertelstunde lang mit einem Delfinweibchen im Meerwasserbecken zu schwimmen, gleich anschließend rauszufahren aufs Meer, sich beim „Snorkling“ (für 45 Dollar) an einem der vorgelagerten Riffs Stachelrochen anzusehen und mit etwas Glück vielleicht einem Barrakuda zu begegnen.

Wer im Blue Heaven das berühmte Frühstück ergattern will, muss sich jetzt einen Ruck geben. Denn die Tische im schattigen Innenhof des Lokals sind begehrt. Die Karenzzeit einer Reservierung beträgt gerade mal fünf Minuten, dann ist der Tisch unwiederbringlich verloren. Hühner laufen und flattern herum (überall in den Straßen von Key West laufen und flattern Hühner herum, denn ein strenges Gesetz zum bedingungslosen Erhalt der Vogelwelt garantiert dem Federvieh mehr Bürgerrechte als so manchem Zweibeiner), das Garten-Mobiliar ist grob zusammengewürfelt, aber die Bedienungen sind superfreundlich. Die meisten der anwesenden Gäste haben morgens noch ganz kleine Augen. Und so wird der Kaffee in Überschallgeschwindigkeit serviert. Richtig guter Kaffee, garantiert aus biologischem Anbau, „organic und natural“, nicht die gefürchtete amerikanische Plörre. Dazu gibt es das „Special of the Day“: Eggs Benedict, pochierte Eier mit Hummerschwanz und (!) knusprigem Speck auf einem Bagel, überbacken mit Béchamelsauce. Runtergespült wird mit frisch gepresstem Orangensaft, und schon bekommt das Leben wieder einen Sinn. Dafür sind rund 30 Dollar zwar ziemlich viel, aber nicht zu viel, und Key West ist schließlich nicht Warnemünde.

Bestimmt sind die Keys ein Reservat. Eine sorgsam gehütete, liberale Schutzzone für Party People, Alt-Hippies, Freaks, Kreative, Wassersportler, Sonnenanbeter und Umweltaktivisten. Sie sind eine Gruppe von Inseln, die wie an einer Perlenschnur aufgezogen, umgeben von kristallblauem Wasser, mit dem doch eher reaktionären Festland (und untereinander) durch den vierspurigen Overseas Highway verbunden sind. Die Autobahn endet sozusagen in einer Sackgasse, im Planquadrat namens Key West. Nach diesem „am meisten südlich gelegenen Punkt“ („Southernmost Point“) der USA, kommt das Meer. Und dann kommt 90 Meilen weiter südlich auch schon der Klassenfeind Kuba. Kaum zu glauben, dass dieser Außenposten vor nur 130 Jahren bereits 28.000 Einwohner zählte, die heutige Millionenmetropole Miami gerade mal 500, und dass Key West damals die reichste aller amerikanischen Städte war. Jetzt ist sie immer noch eines der beliebtesten Reiseziele innerhalb der USA.

Angefangen hatte es mit den Schönen und Reichen, die hier Urlaub machten. Nicht zuletzt genossen aber auch viele berühmte Künstler und Schriftsteller die jährliche Durchschnittstemperatur von 26 Grad, von denen Ernest Hemingway sicherlich der berühmteste war. Noch immer nennen sie ihn hier zärtlich „Papa“, und einmal im Jahr veranstalten sie in seiner Lieblingsbar, dem Sloppy Joe’s, einen Look-Alike-Wettbewerb, der es längst in die Hauptnachrichten von CNN geschafft hat. „Papa liebte dieses Flair aus Piraterie und Schmuggel, amerikanischer Bürgerkriegsgeschichte, der Kuba-Krise, viktorianischen Villen und karibischen Sandstränden: All das inspirierte ihn“, sagt Dave Gonzales, Direktor der Hemingway-Gesellschaft. Der Literaturwissenschaftler führt seit einem Vierteljahrhundert Besucher durch die prächtige, grün gestrichene Villa des Schriftstellers an der Whitehead Street. Hier schrieb Hemingway unter anderem die Novelle „Der alte Mann und das Meer“, für die er den Literatur-Nobelpreis erhielt. Dave, der ein schlabberiges T-Shirt und Flip-Flops trägt, könnte viele spannende Geschichten über Hemingways literarisches Werk erzählen, seine Schreibtechniken und nicht zuletzt auch sein zerrissenes Seelenleben (das ihn letztlich am 2. Juli 1961 in Idaho in den Selbstmord trieb). Aber Dave weiß andererseits ganz genau, dass sich Touristen vor allem für die Skurrilitäten des großen Erzählers interessieren: seinen Katzenfriedhof mitten auf dem schattigen Grundstück, zum Beispiel. Oder für seinen dokumentierten Irrsinn, 20.000 Dollar für einen Swimmingpool im Garten auszugeben, was für die damalige Zeit ein Vermögen war. Das ganze Anwesen mit Haus hatte ihn übrigens nur 8000 Dollar gekostet.

Trotzdem trieb es ihn, den passionierten Hochseeangler, immer wieder hinaus. Hinaus aufs Meer. An Steuerbord der Golf von Mexiko, an Backbord der Atlantik. Beide Meere sind fast unverschämt warm und überaus fischreich. Deshalb sind die Keys – allen voran Key West – für alle nur erdenklichen Arten und Abarten des Wassersports wirklich nur eins: absolut perfekt.

Vermutlich herrscht hier auch deswegen die größte Motorbootdichte weltweit, die Freizeitskipper zeigen gerne, was sie haben, doch wird eigentlich erst ab einem 500-PS-Außenborder aufwärts länger hingeschaut. „‚Boat‘ ist nichts anderes als die Abkürzung von ‚break out another thousand‘ (‚Hol noch einen Tausender mehr aus der Tasche‘)“, scherzt John O’Connolly, der zusammen mit seiner Mutter etwa 30 Meilen nördlich auf der beschaulichen Insel Big Pine eine kleine Marina nebst Tankstelle betreibt. 500 Gallonen Sprit, etwa 2000 Liter oder eben rund 2000 Dollar, verballert ein durchschnittliches Boot an einem Wochenende.

Nach einem aufregenden Paragliding-Trip in 100 Meter Höhe über dem Wasser (für 40 Dollar pro Person) empfiehlt John eine ruhige, Paddeltour mit dem Kanu. Drei Stunden lang geht es unter der sengenden, beinahe karibischen Sonne dicht unter der Küstenlinie an endlosen Mangrovenwäldern entlang, in deren dichtem Wurzelwerk sich die Kinderstube für allerlei Meeresgetier befindet (dessen Eltern sich spätestens beim abendlichen Dinner im Restaurant auf dem Teller einfinden werden). Der Paddel-Guide heißt Jim und ist bestimmt einer der Nachkommen des Woodstock-Festivals von 1969, ein sehniger, braun gebrannter Naturbursche mit langen Haaren und Fünf-Tage-Bart, der sich nach dem halbstündigen Einweisungskurs „Paddeln für absolute Anfänger“ als engagierter Umweltschützer entpuppt. Jim weiß alles über die Mangroven und ihre Bedeutung für den Küstenschutz, die Tierwelt, die Umwelt. „Natural“ ist sein Lieblingswort, und er lächelt milde, wenn man ihn auf die Diskrepanz anspricht, dass an den Pools sowie in den unzähligen Bars, Pubs und Restaurants von Key West die hochprozentigen Getränke fast ausschließlich in Plastik- oder Pappbechern ausgeschenkt werden. „Well“, sagt er schließlich, beinahe hilflos, „this is America.“

Aber die Keys sind auch bei oberflächlicher Betrachtung eben nicht nur Amerika. Selbst über der „Sunset Celebration“ am Mallory Square, dem allabendlichen Höhepunkt eines Besuchs von Key West, wenn Gaukler und Straßenmusikanten den eindrucksvollen Sonnenuntergang feiern, schwebt eine Dunstwolke aus Entspannung, Gelassenheit und Frieden. Fast jeder hat einen Drink in der Hand, bevor es zum Essen und danach auf die Partytour geht. Doch jetzt, hier auf der Uferpromenade, scheinen sogar die Pelikane in der milden Abendluft zu dösen, und nur ein paar Nebenstraßen abseits des lichterglänzenden Trubels stehen die romantischen viktorianischen Holzhäuser mit ihren überdimensionierten Veranden, auf denen es sich formidabel in Hängematten schaukeln lässt. Es gibt Bougainville-gesäumte Hinterhöfe, prächtige Kleinst-Paradiese, bewachsen mit Kokospalmen, Ylang-Ylang und Jacaranda, in denen bunte Vögel hin und her flattern. Die dazugehörigen Menschen bewegen sich wie in Zeitlupe. Nicht zuletzt nennen sie sich deshalb „Conchs“ (sprich „Konks“); nach einer hiesigen Seeschneckenart, einer Spezialität, die man in allen nur erdenklichen Aggregatzuständen essen kann, von roh über gekocht bis frittiert. Und fragt man die Conchs, dann antworten sie, sie seien im Paradies. Hemingway sah das bestimmt genauso.

 

Detroit, Great Lake-City

Michigan & Ohio im Mai 2017

New York, Miami, Los Angeles, San Francisco, New Orleans. Und Las Vegas natürlich. Ich hatte in meinem Leben schon ein paarmal das Glück, nach Nordamerika reisen zu dürfen, dorthin, wohin es die meisten USA-Reisenden zieht. Und nun lande ich nach einem Acht-Stunden-Flug in Detroit im US-Bundesstaat Michigan und stehe nach den Einreiseformalitäten gut drei Stunden später an der Riverfront, der ellenlangen neuen Uferpromenade am De­troit River und nur eines von vielen Projekten, mit denen Detroit sich zurzeit neu erfindet.

Aus Alt baue Neu, aus gar nichts baue auch Neu, aber baue in jedem Fall architektonisch ansprechend und nachhaltig. So säumen inzwischen Restaurants für jeden Geldbeutel, Shops und Hotels, Veranstaltungsflächen für Konzerte und Wohnhäuser das Ufer des Flusses, in dessen Mitte die Grenze zu Kanada verläuft. Die kanadische Großstadt am anderen Flussufer heißt Windsor, sie hat rund 280.000 Einwohner, doch neben ihrer Größe und ihrer bescheidenen Skyline ist der dritte und vermutlich wesentliche Unterschied zu Detroit, dass auf kanadischer Seite pro Jahr weniger als ein Dutzend Morde verzeichnet werden, in Detroit dagegen weit mehr als 300 – jedoch so gut wie ausnahmslos in den Vierteln, in die sich keine Touristen verirren.

Doch was will ich eigentlich hier, in der „Mordhauptstadt der USA“, dieser bankrotten Industriemetropole mit Brachflächen mitten in der Stadt, auf denen das Gras mannshoch wächst und die umrahmt sind von rußgeschwärzten, verfallenen Häusern, in denen niemand mehr wohnt, sowie einsturzgefährdeten Industriegebäuden, in denen niemand mehr arbeitet. Nur der Efeu klettert unermüdlich die Backsteinfassaden hoch und verleiht der Tristesse eine gewisse Romantik. Dabei war Detroit noch bis in die 50er-Jahre hinein mit mehr als zwei Millionen Einwohnern die viertgrößte Stadt des Landes. Vor allem die Autoindustrie – Ford, Chrysler, General Motors – lief als gut geölter Job-Motor. Doch aus der Erfolgsstory wurde ein Drama, als die japanischen und europäischen Mitbewerber, von den „großen drei“ mächtig unterschätzt, auf den US-Markt rollten. Spätestens mit der Ölkrise in den 70ern merkten dann auch die Amerikaner, dass ihre eigenen Autos den innovativen Modellen aus Übersee qualitativ unterlegen waren und zu viel Sprit verbrauchten. Der Umsatzrückgang kos­tete die ersten zigtausend Jobs, im ­Laufe der nächsten Jahre gab es immer wieder Massenentlassungen, auch viele Zulieferbetriebe machten dicht oder wanderten ab, und die Rassenproblematik sorgte für eine Massenflucht der weißen Bewohner in die Vororte. Nach diesem „white flight“ blieb ein Innenstadt-Getto mit den typischen sozialen Problemen zurück. Zu diesem Zeitpunkt wohnten nur noch knapp 680.000 Menschen in der „Motor City“, etwa 80 Prozent von ihnen waren schwarz, und viel zu viele Menschen hatten keine Per­spektive mehr.

Das Auto rumpelt über die Schlaglöcher der Woodward Avenue, die insgesamt 27 Meilen lange Nord-Süd-Achse Detroits, in Richtung Innenstadt. Einst war sie das Aushängeschild des amerikanischen Traums, heute ist es ein breiter Boulevard der Gegensätze, über den der Filmemacher Michael Moore sagte, dort sehe es teilweise aus wie auf einem anderen Planeten. Damit meinte er die Schuttberge längst abgerissener Häuser entlang der Strecke, die noch immer nicht abgetragen sind. Kurz vorm Woodland-Friedhof kreuzt die Woodward dann die 8 Mile Road. Das ist die berühmte schnurgerade Straße, in der Wohlstand und Armut sich ebenfalls blockweise abwechseln und die seit dem gleichnamigen Film mit dem Rapper Eminem im Jahre 2002 Detroit erst ins Bewusstsein der Welt zurück­zurufen half. Übrigens stammen Iggy Pop und Madonna auch von hier und kämpften sich nach oben, und dann war da ja noch vor allem Berry Gordy, der bereits 1959 mit seinen Motown Records seine legendäre Plattenfirma gegründet hatte, die mit ihrem speziellen Sound reihenweise schwarze Künstler in die damals überwiegend weißen Popcharts katapultierte.

Je näher die City rückt, desto kleiner werden die Trümmer­berge und desto mehr architektonische Hinweise tauchen dafür auf, dass De­troit sich in einem atemberaubenden Wandel befindet. „Welcome to Comeback City, yeah!“, sagt Steve Kovalsky (38), der 15 Jahre lang am Ford-Fließband in Dearborn Windschutzscheiben eingepasst hat, bis er wegrationalisiert wurde. Er ist jedoch in „seiner“ Stadt geblieben, schlug sich ein paar Jahre durch und arbeitet jetzt als Doorman vor dem The Foundation Hotel, einer brandneuen Designer-Herberge in der Larned Street Downtown, die aus einer ausgedienten Feuerwehr-Wache entstanden ist. Viel Glas und Beton, dazwischen warmes Holz, futuristische Möbel und Lichtspiele; eine spannende Mixtur aus modernem Luxus und strenger Funktionalität. „Wir Detroiter sind ein zähes Völkchen“, sagt Steve, „wir haben es irgendwie immer gewusst, dass irgendwann ein Wunder passieren wird.“ Und egal, wen ich in den nächsten Tagen fragen werde: Sie sagen alle dasselbe.

2008 geschah dieses Wunder dann wirklich, als der Korruptionssumpf ausgetrocknet wurde und der damalige Bürgermeister Kwame Kilpatrick zu 28 Jahren Gefängnis verurteilt wurde; nicht wenige Verwaltungsangestellte folgten ihm in den Knast oder wurden gefeuert. Die Finanzen Detroits kamen unter staatliche Kontrolle, und auch ein paar Casinos entstanden, um mit diesen zusätzlichen Einnahmen die Schulden rascher abzubauen und gleichzeitig die Infrastruktur anzukurbeln. Das alles gehört einfach dazu, um besser zu begreifen, was zurzeit in Detroit geschieht – die vitale Auferstehung einer Stadt, die sich endlich daran erinnert hat, dass sie neben Chicago und Toronto auch eines der wichtigsten Tore zu den Großen Seen ist; diesem riesigen Landstrich, der unzählige attraktive Reiseziele in mehreren amerikanischen Bundesstaaten bietet. Das gilt auch für das unglaub­liche Farbenspiel des Indian Summer, das in diesen Tagen in den Wäldern ­Michigans, Ohios, Wisconsins, Illinois‘ oder Pennsylvanias einsetzt.

Die Konstrukteure des Detroiter Aufbruchs schlagen geschickt einen zeitlichen Bogen von der traditions­reichen Geschichte bis in unsere Zeit und darüber hinaus. Das „alte“ Detroit zu seinen glorreichen Zeiten lässt sich dabei nicht nur in den Museen wie dem Detroit Institute of Arts, dem Henry Ford Museum oder in der plüschigen Pracht der Villa Edsel und Eleanor Fords im Nobelvorort Grosse Pointe bestaunen, sondern zum Beispiel bloß durch einen intensiveren Blick auf die Fassaden der zahlreichen Hochhäuser während eines Stadtspaziergangs; es sind imposante, architektonische Schmuckstücke aus Art déco und Postmoderne. Das traditionsreiche Detroit ist aber auch eine Bar wie etwa der Grand Trunk Pub aus dem Jahre 1870 in der Woodward Avenue. Bloß dass jetzt eine moderne Straßenbahn daran vorbeifährt, die von den autoverwöhnten Detroitern zunächst misstrauisch beäugt und immerhin nach etwa drei Monaten zunehmend genutzt wurde. Alte Eisenbahngleise wurden wiederum zu Fahrrad­wegen umgestaltet, und wo es noch keine Bebauungspläne gibt, werden auf den Brachflächen bioorganische Gemüsebeete angepflanzt.

Es sind vor allem jüngere Leute, die es seit einiger Zeit aus den hektischen Megastädten und dem Silicon Valley hierher zieht . Sie sind stolz darauf, Teil des gemeinschaftlichen Wiederaufbaus zu sein. Sie sind Visionäre und treffen sich sonnabends auf dem Campus Martius Market oder im weltberühmten Heidelberg-Project, einem begehbaren Kunstwerk unter freiem Himmel, an dem der afroamerikanische Künstler Tyree Guyton seit 1986 in der Heidelberg Street im Osten der Stadt beständig arbeitet. Und jetzt erfinden sie sogar das amerikanische Essen neu. Verzichten auf die kalorienreichen Riesenportionen und propagieren eine feine, leichte Küche. Und sie bringen sich ein im 50-Block-Projekt, einer gigantischen Stadtentwicklungs- und natürlich auch Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Ein erster Bauabschnitt, das neue Veranstaltungszentrum Little Caesars, wurde gerade erst am 12. September eingeweiht.

Spätabends schlendere ich durch Greektown, die Vergnügungsmeile, in der sich Bar an Bar und Restaurant an Restaurant reiht – alle sind proppenvoll. Auch die Bürgersteige sind überfüllt. Es wird getrunken, gelacht, gefeiert und geflirtet. Es ist laut, aber friedlich und relaxed. Nein, niemand muss sich mehr fürchten – in der „Comeback City“.

 

„Steil ist geil!“

Oberstdorf – Meran, Juli 2018

Von zwei Flachland-Tirolern die auszogen, um die Alpen zu überqueren – zu Fuß

Als wir im nächtlichen Garten unseres Meraner Hotels unter dem Applaus unserer Mitwanderer die Urkunden erhalten, die meine Freundin Marion und mich als Alpenüberquerer ausweisen, sollten wir eigentlich stolz auf uns sein. Doch wir werden unsere Urkunden nicht einrahmen lassen. Und was wir fortan über unsere Alpenüberquerung erzählen wollen, wird keine Heldengeschichte sein…

Ein Jahr zuvor

Sie beginnt in einem Spezialkaufhaus für Globetrotter und all jene, die es werden wollen. Die sich, so wie wir, vom Wanderboom haben anstecken lassen. Doch flach kann jeder: Wir aber wollen auf einem Teilstück des Europäischen Fernwanderweges „E 5“ in sechs Tagesetappen die Alpen von Oberstorf nach Meran überqueren – auf dem Jakobsweg der Ungläubigen. Und wenn man sich die Reportage von Tamina Kallert in der ARD-Mediathek anschaut, handelt es sich dabei um ein vergnügliches, teilweise etwas anstrengenderes Lustwandeln, das selbst kleine Kinder und noch kleinere Hunde relativ mühelos bewältigen können. Man benötige dazu lediglich „ein wenig Bergerfahrung“ und eine „mittlere Kondition“.

Das sind zwei äußerst dehnbare Begriffe, aber das haben wir damals noch nicht gewusst.

So geben wir für Bergschuhe, Funktionskleidung aus Merinowolle, Tages-Rucksäcke, Bergstöcke, Regenkleidung und vor allem für Blasenpflaster ein kleines Vermögen aus, bevor wir dann noch rund 2500 Euro ans „Oase“-Alpincenter in Oberstdorf (ohne Anreise), überweisen. Wir haben uns für die Komfort-Tour entschieden, da wir auf das archaische Vergnügen verzichten wollen, gemeinsam mit Dutzenden anderer Bergwanderer in Mehrbettzimmern oder Gemeinschaftsschlafsälen auf den Berghütten zu nächtigen. Und unser Gepäck wird von Unterkunft zu Unterkunft transportiert.

Der erste Tag

346 Tage später lernen wir am Oberstdorfer Bahnhof unsere Mitwanderer sowie den Mann kennen, dem wir die kommenden sechs Tage hinterherlaufen sollen: Tommy stammt aus dem Kleinwalsertal, ist 60 Jahre alt, etwa 1,70 Meter groß, braungebrannt, hat stramme Waden und wirkt sehr erfahren. Einst hat er das Zimmererhandwerk gelernt, aber er ist seit über drei Jahrzehnten nur noch als Skilehrer und Bergführer tätig. Abschätzende Blicke fliegen hin und her, auch ein paar Frotzeleien, und im Inneren denken alle dasselbe: Was wird uns erwarten? Wie sind wohl die anderen drauf? Da jedoch alle die WDR-Reportage mit der stets fröhlichen Tamina Kallert gesehen haben, herrscht in der Gruppe die übereinstimmende Meinung, dass es so schlimm wohl nicht werden könne.

Es ist eine ausgesprochen nette und lustige Gruppe. Zum Glück. Die Teilnehmer sind alle zwischen 40 und knapp über 60 Jahren alt. Da sind Sybille, Silke, Solveigh und das Ehepaar Silvia und Christian, fünf Frohnaturen aus dem Rheinland; Karin und Christoph aus dem Schwarzwald, Johanna und Pia, zwei alleinreisende Grundschullehrerinnen sowie der Elsässer Michel. Allerdings sind die anderen im Gegensatz zu uns um ziemliche Sportskanonen und haben Marscherfahrung. Michel etwa marschiert seit 2008 in Etappen um Frankreich herum, Pia ist bereits im Himalaya getrekkt und hat den echten Jakobsweg hinuntergespult und Silke absolviert dreimal pro Woche ein Zirkeltraining mit einem Personal-Trainer, fechtet regelmäßig und wandert an ihren sportfreien Tagen durch die Eifel. Aber, hey, wir sind ein knappes Jahr lang mehr Rad gefahren als sonst, haben respektabel abgenommen; unsere Bergstiefel sind eingelaufen, und unsere Generalprobe – eine dreitägige Harz-Wanderung über insgesamt 56 Kilometer einen Monat zuvor – hat unser Selbstbewusstsein gestärkt: So träumen wir auch nach der „gemütlichen Eingehtour“ über 11 Kilometer in die Birgsau im Stillachtal – nur von einem atem(be)raubenden 300-Höhenmeter-Anstieg unterbrochen – vom Gipfelstürmen, obwohl Tommy uns am Abend erstaunlicherweise kritisch mustert, als er erklärt, dass sich auf der zweiten Tagesetappe für gewöhnlich die Spreu vom Weizen trennt. 15 Kilometer mit jeweils 1000 Höhenmetern rauf wie runter, lägen vor uns, „und wir wissen alle“, sagt Tommy mit einem strengen Seitenblick auf uns, „dass der Abstieg anstrengender wird als der Aufstieg. Viel anstrengender.“ Nein, wir wissen das nicht, und vermutlich sehen wir jetzt auch so aus, aber dann sagt Silke, „ach was Leute, steil ist geil!“ Die folgende Heiterkeitseruption befreit uns gnädig aus unserer Verlegenheit.

Der zweite Tag

Mehr grün geht nicht. Dichte Nadelwälder, dann heraus aus dem Wald auf satte Almen, auf denen Kühe mit Halsglocken läuten. Majestätische Gipfel um uns herum, zum Teil mit Schnee gepudert. Wilde Bergkräuter und -Blumen in allen Farben. Aber da ist auch noch dieser schmale Pfad, der unserem Empfinden nach beinahe senkrecht hinaufführt. Dazu die Sonne, die aus wolkenlosem Himmel brutal auf den Schädel knallt. In 1700 Metern Höhe ist es noch 26 Grad warm, und wir schwitzen wie in den Tropen. „Das Leben ist nun mal kein Ponyschlecken“, seufzt Christian, doch dem ehemaligen Rettungstaucher, macht die Höhenluft nichts aus, mir eigentlich auch nicht, aber das Terrain ist schwierig, Felsen, Kies, Geröll, Wasser, Schlamm und Gras wechseln sich ab. Wir müssen jeden Tritt ganz bewusst setzen und mit unseren Stöcken absichern, sonst würden wir früher oder später garantiert auf der Nase landen. Denn die Kraft, die schwindet rapide. Jedenfalls bei uns. Tommy verdonnert Marion und mich dazu, hinter ihm zu bleiben und sein Tempo konsequent mitzugehen. Er stapft mit regelmäßigen Schritten voraus, wie eine Nähmaschine in Zeitlupe, Tritt für Tritt, und wenn wir dennoch uns still und heimlich eine Pause herbeisehnen, scheint er das zu spüren und wird noch langsamer. „Viele gehen es zu schnell an. Unten mag das noch funktionieren, aber wenn dich zwischen 1000 und 2000 Metern das Tempo zerbröselt, erholst du dich am Berg nicht mehr“, sagt er. Wir nicken beide kraftlos. Den anderen geht es entschieden besser. Sie schnaufen zwar auch, aber nur ein bisschen, und wir ahnen, dass sie wohl gerne etwas schneller wandern würden, doch niemand murrt. Das nennt man echte Kameradschaft.

Wie in Trance erreichen wir nach dreieinhalb Stunden die Kemptener Hütte auf knapp 1900 Metern Höhe und plötzlich geschieht etwas Wunderbares: Denn schon mit dem ersten Schluck Weizen alkoholfrei und dem ersten Bissen Kaiserschmarren fallen alle Mühsal und Qualen wie ein Umhang von uns ab. „Nennt mich Hannibal!“ möchte ich ausrufen, wir fühlen uns als Helden und begreifen erstmals, warum wir uns auf dieses Abenteuer eingelassen haben: Weil sie halt so schön sind. Diese verdammten Alpen.

Eine gute Stunde später, nach einem weiteren 200-Höhenmeter-Anstieg übers Mädelejoch und dem nachfolgenden Abstieg hinunter ins österreichische Holzgau, fallen wir schon wieder in Trance. Was gut ist, da wir so nicht spüren, dass sich an unseren Füßen trotz besten Schuhwerks und Wandersocken Blasen gebildet haben. Denn was wir hier machen, ist eben keine Bergwanderung. „Es ist eine alpine Wanderung, das ist der Unterschied“, sagt Tommy, als wir gegen 20 Uhr im Gasthof „Bären“ als Letzte zum gemeinsamen Abendessen humpeln, „und das wird manchmal leider ein bisschen zu leichtfertig verkauft.“ Er ärgert sich über die WDR-Reportage: „So etwas Deppertes habe ich noch nicht gesehen. Vollkommen an der Wirklichkeit vorbei. Ganz übel, dass da Hunde und Kinder ins Bild genommen wurden. Da wird der Eindruck erweckt, es handele sich um einen Spaziergang.“

Der dritte Tag

Weil das Aufstehen gut drei Minuten dauert und unsere Stiefel wegen unserer Blasen eine Nummer zu klein geworden sind, fällen Marion und ich eine Entscheidung: Wir werden die Spreu sein. Wir werden die Statistik bestätigen, nach der bei jeder Tour durchschnittlich 1,5 Wanderer aufgeben. Denn als wir unsere unteren Gliedmaßen befragen, ob die sich einen vierstündigen Aufstieg auf 2400 Meter Höhe bei 28 Grad im Schatten und einen ebenso langen Abstieg zu vorstellen können, sagen die „Nein.“ Unsere Grundkondition reicht einfach nicht, und aus den Nachrichten erfahren wir, dass Tags zuvor eine entkräftete Bergwanderin bei Berchtesgaden in den Tod gestürzt ist, beim Zubinden ihrer Schuhe auf einem Grat. Wollen wir das? Der „Bärenwirt“, ein ehemaliger Bergführer, spendet Trost: „Für euch ist’s heuer zu steil, zu hoch, zu weit und zu heiß. Richtige Entscheidung, Bua!“ Während die Gruppe also ohne uns die nächste Etappe in Angriff nimmt, schlendern wir langsam hinauf zur längsten Hängebrücke Europas, schaudern beim Überqueren und fahren dann ganz bequem mit dem Gepäcktransport zum nächsten Zielort ins Pitztal.

Vierter und fünfter Tag

Steil ist geil, doch wir lassen die „andern wandern“ und erfreuen uns im Tal an den Annehmlichkeiten der österreichischen Gastlichkeit. Wir stolpern ein bisschen in der Gegend herum, lächerliche 10 Kilometer, gegen unser schlechtes Gewissen, aber letztlich freuen wir uns vor allem über die Seilbahnen. Auch so kann man die Bergwelt genießen, selbst wenn wir abends neidisch miterleben, wie die Harten (Pias Fersen sind blutig gescheuert)ihre Eindrücke von der Tagesetappe erzählen und ihre Handyfotos herumgehen lassen.

Ich bin am fünften Tag dann noch einmal eine halbe Tagesetappe mitgewandert, vom Timmelsjoch (2509 Meter) zur Schönauer Alp hinunter auf 1781 Meter. Ein Abstieg der schweren Kategorie. Danach fühle ich mich wieder fit, aber Tommy schüttelt den Kopf: Für die abschließende 17 Kilometer lange Königsetappe (Aufstieg 1100 Meter, Abstieg 1400 Meter) nach Meran will er kein Risiko eingehen. Marion winkt sowieso ab. Sie kommt kaum mehr die Treppen hinunter. Wir haben also Zeit, uns Meran anzusehen.

Sechster Tag, abends

Beschämt blicken wir auf unsere Urkunden, während die Gruppe mit klingenden Gläsern beschließt, im nächsten Jahr den Meraner Höhenweg gemeinsam „zu machen“. Mit Gepäck, noch höher, noch steiler, noch geiler. „Ihr kommt aber mit?“, fragt Silvia. Es hört sich jedoch nicht nach einer Frage an. Marion und ich überlegen nicht lange und nicken. Endlich mal wieder eine echte Herausforderung, und das beste Training für eine Bergwanderung ist schließlich eine Bergwanderung.