Zum besseren Verständnis

Eine der vielleicht wichtigsten Wortschöpfungen seit der Erfindung der Ehe von Mann und Frau verdanken wir dem Schriftsteller Axel Hacke. Das „Partnerschafts-Passiv“ bezeichnet dabei die einmalige Fähigkeit des weiblichen Geschlechts, Wünsche und Aufforderungen so zu kommunizieren, dass sie vom Mann nicht verstanden werden können. Ein Beispiel: Wenn eine Frau ihrem Gatten gegenüber die klare Bitte formulieren würde, „Schatz, bringst du bitte mal den Müll runter?“, würde der Mann dies vermutlich, wenn auch mürrisch, tun. Stattdessen sagt sie jedoch „Der Müll müsste eigentlich mal runtergebracht werden“, doch mit einer derart verklausulierten Aufforderung kann ein Mann aufgrund seiner evolutionären Entwicklungsgeschichte – Jäger und Krieger konnten nun einmal nur durch klare Ansagen in der Wildnis und auf dem Schlachtfeld überleben – nichts anfangen. Deshalb wird der Mann, von rühmlichen Ausnahmen einmal abgesehen, auch nicht sofort aufspringen und eine Terrassentür oder ein Fenster schließen, wenn seine Frau davon spricht, dass „es vielleicht doch etwas kühl sei.“ Nein, ein Mann braucht jetzt einen eindeutigen Befehle („Machst du die Terrassentür bitte zu?“), dann funktioniert er für gewöhnlich wie eine Eins.

Noch schwieriger stellt sich die Kommunikation für den Mann dar, wenn ihn die Frau mit Fragen konfrontiert, die ihre Persönlichkeit und/oder Befindlichkeit betreffen. Vor allem also mit der einen Frage, die schon viele Scheidungsanwälte reich gemacht hat. Sie lautet: „Findest du mich eigentlich zu dick?“

Etwa 99,7 Prozent aller Männer würden sich jetzt lieber ihre Zehennägel ohne Betäubung mit einer rostigen Flachzange herausreißen lassen als zu antworten. Denn alles, was er jetzt erwidern würde, wäre die falsche Antwort. „Ja“ heißt „ja“, „Nein“ heißt ebenfalls „Ja“, „Ich weiß nicht“ oder „keine Ahnung“ heißt doppeltes „Ja“ und „die paar Kilos mehr stehen dir ganz prima“, heißt „Pack‘ sofort deine Koffer.“

Für den Mann gibt es daher jetzt nur eine (und zugegeben extrem geringe) Chance, aus diesem Dilemma unbeschadet rauszukommen. Er muss einfach „natürlich nicht!“ sagen, dabei einen Hauch von Empörung einfließen lassen, aber mit dieser Antwort darf er nicht eine Nanosekunde  zögern.

Viel Glück!

Vor der Laterne, vor dem großen Tor…

Den Jahreswechsel durfte ich in Wien bei Freunden verbringen, und da ich bis dato noch NIE in einen „Heurigen“ eingekehrt war, hielten meine Freundin und ich es für eine gute Idee,  die österreichische Familie, die uns so generös bewirtete, in ein solches Weinlokal einzuladen. Und dort geschah dann DAS, was mich dazu bewog, für den Reiseteil des Hamburger Abendblattes eine mehr oder minder lustige Glosse zu schreiben – nach rund 100 solcher wöchentlich erscheinender Kolumnen ist man als Autor schließlich für jede Themenanregung dankbar. Die rund 50 Zeilen erschienen am ersten Januarwochenende unter der Überschrift „Schunkeln, Teutonia“ und lasen sich SO:

Vielleicht haben Sie sich ja schon einmal gefragt, warum wir Deutschen im Ausland zwar gern als zahlende Gäste gesehen werden – mehr aber auch nicht. Nun begab es sich am vorletzten Tag des vergangenen Jahres im „Alten Zechhaus“ zu Gumpoldskirchen am Rande des Wienerwalds, dass ein Stuttgarter Reisebus sich durch einen Stau auf der Autobahn um eineinhalb Stunden verspätete, sodass der gebuchte Akkordeonspieler bereits zum nächsten „Heurigen“ weitergezogen war. Zur Erklärung: Die Einkehr in einen „Heurigen“ in einem der vielen Weindörfer, die sich um Wien herum verteilen, gehört zu den Höhepunkten einer Gruppenreise in die österreichische Hauptstadt. „Heurige“ sind rustikale Schänken, die von den ansässigen Weinbauern selbst betrieben werden. Serviert werden neben den Weinen des Hauses deftige Schmankerl aus österreichischer Küche. Doch was darüber hinaus zu einem gruppendynamischen „Heurigen“-Besuch gehört, und zwar unbedingt, ist zünftige Schrammelmusik, weil spätestens nach dem Hauptgang beim trinkfreudigen deutschen Publikum die genetisch bedingte Schunkellust einsetzt. Doch an diesem Abend ließen 37 schwäbische Senioren trotz des formidablen Backhendls und des süffigen Rotgipflers (einer uralten Rebsorte, die nur noch in dieser Gegend angebaut wird), bloß ihre Köpfe hängen … Bis, ja bis ein bis dahin unscheinbarer Herr aus ihrer Mitte den lederbehosten Kellner listig fragte, ob „denn nicht zufällig ein Akkordeon vorhanden sei“. Der Kellner nickte, was ein Fehler war, und so ertönte nur wenig später „La Paloma“ durchs „Alte Zechhaus“, gefolgt von „Ein Schiff wird kommen“, „Marmor, Stein und Eisen bricht“ und „Rosamunde“. Die 37 Schwaben kannten dummerweise jede Strophe – und spätestens bei „Du schöner Westerwald“ und „Lili Marleen“ hüpften dann die Topfen­knödel vor Scham aus der Vanillesoße. Was die eingangs gestellte Frage nach unserem Beliebtheitsgrad ausreichend beantworten sollte.

Durchaus selbstkritisch möchte ich an anmerken, dass diese Glosse sicherlich nicht zu der Handvoll Riesenbrüller gehört, auf die ein Autor zurecht stolz sein kann. Nein, ich habe bloß eine winzige, vermutlich vollkommen banale Momentaufnahme in die Tastatur gehackt. Aber was mich dann erstaunte, waren die empfindlichen Reaktionen einiger Leser, die es sich nicht nehmen ließen, „Die (deutsche) Fahne hoch“ zu halten.

Peter F.: „Ist Deutschland etwa nicht Ihr Vaterland?“

Harald K.: „Sehr geehrte Redaktion des Abendblattes, ich möchte zum genannten Artikel wie folgt Stellung nehmen: Beim Lesen des Artikels sollte man in Erinnerung haben, dass der Begriff „Teutonia“ eine im Hoch- und Spätmittelalter übliche lateinische Bezeichnung für die Deutschen ist und „teutonisch“ oft abwertend für „deutsch“ verwendet wird. Nun missfiel dem Autor ja offensichtlich nicht die Lautstärke der Sänger sondern die Auswahl der Lieder, denn „Lili Marleen“ gilt ihm ja wohl als die negative Steigerung von „Ein Schiff wird kommen“ aus dem Jahr 1960. Über Musikgeschmack darf man streiten und über unangemessen lautes Auftreten in Gaststätten auch. Aber was treibt den Autor zu der herablassenden Wertung, die Senioren, denen er auch nur einfach alkoholbedingte Lustigkeit hätte unterstellen können, hätten sich wie im Spätmittelalter verhalten und u.a. Lili Marleen sei einfach nur beschämend. Das Lied hat sicherlich engen Bezug zur Nazizeit. Aber selbst mein Vater, aufgrund siebenjährigen Kriegseinsatzes und Zerbombung seines Elternhauses ebenso überzeugter Nazi-Hasser wie ich, mochte das Lied. Beschämend finde ich allerdings, dass die Kritik des Autors ohne Kenntnis der 37 Schwaben ihnen in geradezu grotesker Weise militaristisches Verhalten unterstellt. Das scheint er ja auch durch die im Befehlston „Schunkeln, Teutonia“ geschriebene Überschrift zu beabsichtigen. Ich kann dem Autor nur raten: abrüsten ! Wenn feuchtfröhliche Touristen wie hier aufgrund eines relativ harmlosen Verhaltens in die rechte militante Ecke gestellt werden muss man sich nicht wundern, wenn diese dann sagen könnten: dann kann ich ja gleich mindestens AfD wählen, in der Ecke sieht man mich ja ohnehin schon. Mit der Art dieses Artikels spielt Journalismus mit dem Feuer.“

„Hans Hans“:  „Hallo Herr Schuller, ich hoffe ich bin bei Ihnen richtig, wenn es um den Artikel im Hamburger Abendblatt „Schunkeln Teutonia geht“. Ertsmal möchte ich Ihnen mein Mitleid aussprechen, da Sie ja aufgrund Ihrer Herkunft noch nie herzlich im Ausland empfangen wurden. Warum um Himmelswillen ist es mit Scham verbunden, wenn 37 Senioren „oh du schöner Westerwald“ singen? Welches Liedgut stünde einem Deutschen im Ausland Ihrer Meinung nach gut zu Gesicht? Wenn Sie so etwas wie Scham empfinden, können Sie im Bezug auf Ihre Herkunft auch Stolz fühlen?“

Sie waren eben niemals weg.

 

Mein Abend mit Dominique Horwitz

Philipp Brandt raucht am überdachten Haupteingang des Genueser Schiffs eine Filterzigarette und starrt angestrengt hinaus in die regenverhangene Dunkelheit. Der scharfe Wind von der Ostsee treibt schwere Regentropfen diagonal durch die Luft. Es ist kurz vor halb sieben und der Saal bereits halb voll, doch seitdem der Hotelier seinen heutigen Gast der ausverkauften Lesung vor knapp einer Stunde im Auto angerufen hat, ist er doch etwas nervös. Denn da rollte Dominique Horwitz gerade erst an Lübeck-Moisling vorbei, die A 1 war ziemlich voll, und bis Hohwacht sind es von dort noch fast 90 Kilometer.

Der Schauspieler, Sänger und Regisseur, der neuerdings auch schriftstellert, kommt von seiner „Tod in Weimar“-Lesung aus Bremerhaven, mit dem eigenen Wagen. Er hatte sich jedoch in Hamburg beim Zwischenstopp mit seiner ältesten Tochter verquatscht. „Aber er wollte Gas geben“, sagt Brandt mit dumpfer Stimme, denn er denkt jetzt weder an den bevorstehenden Soundcheck noch an einen verspäteten Beginn der Lesung. Nein, er denkt an Aquaplaning und vor allem an den starken Wildwechsel, der auf der Bundesstraße 202 auf dem 15 Kilometer langen Streckenabschnitt zwischen Oldenburg-Süd und Kaköhl herrscht, wo Horwitz nach rechts auf die Kreisstraße 45 Richtung Hohwacht abbiegen muss, die dann weitere sieben kurvenreiche Kilometer durch welliges Ackerland führt. Die Einheimischen fahren hier grundsätzlich sehr bedächtig.

Doch das Damwild, das hier im ostholsteinischen „Grafenwinkel“ mit tragischer Regelmäßigkeit für Kollateralschäden von Menschen und Maschinen sorgt, hatte wohl Respekt vor dem kapitalen Mercedes-Geländewagen, der 30 Minuten vor Beginn der Lesung auf den Parkplatz des Hotels einbiegt. Vielleicht aber hatte Horwitz auch nur das unverschämte Glück des Ahnungslosen. Der 58-Jährige springt federnd aus dem Auto, in der Hand einen schwarzen Notenständer, über der Schulter eine Ledertasche. Seine Miene drückt aus: Alles im Griff, Herr Brandt! Wo steht das Klavier?

Auf der Minibühne im umgestalteten Hotelrestaurant steht aber nur ein mächtiges Stehpult, drum herum sind Stühle und Polsterbänke im Halbkreis aufgestellt, exakt 132 Plätze, mehr geht beim besten Willen nicht. Viele Sitzflächen sind mit Schals drapiert, so wie die Urlauber auf Mallorca ihre Liegestühle am Pool mit Handtüchern blocken. Etwa 30 Gäste sichern ihren Platz lieber persönlich, manche harren schon über eine Stunde aus. Drüben, in der Hotelbar, herrscht derweil Hochbetrieb. Alle zehn Tische sind besetzt, es duftet nach Bratkartoffeln, der Tresen ist dicht umlagert.

„Als Schauspieler kennen Sie Ihre Stimme natürlich am besten“, sagt Brandt, jedoch nicht ohne Skepsis, denn im Genueser Schiff hat schon der eine oder andere, sogar große Autor seinen Auftritt mit Grandezza vernuschelt. Wobei diese Gefahr bei Horwitz gering sein dürfte.

Das Hotel ist nach einer Zeile aus einem Nietzsche-Gedicht benannt („Offen liegt das Meer, ins Blaue – Treibt mein Genueser Schiff“), was Philipp Brandts Mutter, Gabriele Gräfin von Waldersee, zu verdanken ist: Die literaturaffine Landadelige hatte 1950 damit begonnen, die Fundamente eines Flakbunkers der Marine (den irgendjemand schon am Tag nach der Kapitulation ungefragt zum Café Kleine Brise umfunktioniert hatte, obwohl es sich um das Land derer von Waldersee handelte) als Grundlage für eine geplante „Sommerfrische“ mit zunächst sechs rustikal eingerichteten Zimmern zu nutzen, aus der dann peu à peu das schneeweiße, reetgedeckte Haus am Ostseeufer entstand. Auch Jahre nach dem Tod der Gräfin finden Übernachtungsgäste in jedem der 38 Zimmer mindestens zwei Dutzend Bücher zur Auswahl vor.

„Darf ich Ihnen rasch Ihr Zimmer zeigen?“, schlägt der Hotelier vor. Horwitz goutiert das Angebot mit einem Nicken. Sich noch einmal frisch zu machen, so richtig anzukommen, sei immer gut, sagt er. Außerdem müsse er noch dringend telefonieren. Seine Miene verdüstert sich jedoch sofort, als ihm der Büchertisch der Buchhandlung Schneider aus Plön vor dem Eingang zum Saal ins Auge fällt. „Das sind ja höchstens 25 Exemplare“, sagt er mit unverhohlener Empörung in der Stimme, „wie jetzt: und nur fünf Hörbücher?!“

„Das hatte ich bereits moniert“, sagt der Hotelier zerknirscht, um die Stimmung hochzuhalten.

„… und das, obwohl wir ausverkauft sind?!“, fährt Horwitz fort und straft Thelsa Arndt, die Angestellte der Buchhandlung, mit einem tadelnden Blick.

„Es sind 35, Herr Horwitz!“, korrigiert sie ihn tapfer. Und außerdem sei ja nicht sie für die Bestellung verantwortlich, sondern ihr Chef.

„Gerade deswegen sind es viel zu wenige“, sagt Horwitz und geht durch die kleine Empfangshalle ab, die knarzende Holztreppe hinauf, dem Hotelier hinterher. Er weiß ja, dass die Leute heutzutage gern zum Signieren kommen, wofür man jedoch ein Buch benötigt. Und da fast alle seiner bisherigen Lesungen ausverkauft waren, kann das zeitaufwendige Tingeln durch die Provinz auch zur Auflagensteigerung erheblich beitragen. Was ihm, wie vermutlich den meisten Autoren, neben dem direkten Kontakt zu den Leserinnen und Lesern, mindestens ebenso viel bedeutet wie die zum Teil recht üppigen Honorare, die sie inzwischen für Auftritte verlangen können.

Gerade dann, wenn sie, wie Horwitz, den Promi-Bonus im Gepäck haben, müssen zumeist mindestens vierstellige Abendgagen bezahlt werden. Die Situation ist in etwa vergleichbar mit der Entwicklung in der Popmusikbranche, in der aufgrund der fortschreitenden Digitalisierung immer weniger „haptische“ Tonträger verkauft werden, das „Streamen“ von Hits längst nicht so einträglich ist wie ursprünglich gedacht und die sinkenden Erlöse irgendwie kompensiert werden müssen.

So erklärt sich der Eintrittspreis von 17 Euro im Vorverkauf (und von 19 Euro an der Abendkasse), den Brandt konsequent aufruft, seitdem er seine „Literatur am Meer gelesen“-Reihe vor ein paar Jahren ins Leben gerufen hat. Als einen weiteren „Point of Sale“ gegenüber den Mitbewerbern an diesem beliebten Urlaubsort, weil schicke Zimmer und Meerblick nebst guter Küche und attraktivem Weinkeller allein nicht mehr genügen, „um die Wurst vom Teller zu ziehen“. Darüber hinaus böten Lesungen immer wieder die Möglichkeit, in der lokalen und regionalen Presse zu erscheinen, ohne Anzeigen schalten zu müssen – was auch den Schriftstellern diene, meint Brandt.

„Lesereisen sind wichtig, um Titel und Autor bekannter zu machen. Rein aus PR-Sicht sind die Berichte in der Lokalpresse sogar entscheidender als die Anzahl der Besucher“, glaubt auch die Hamburger Bestseller-Autorin Sylvia Lott, die mit ihrem neuen Liebesroman „Die Inselfrauen“ in den kommenden Monaten mehrere Dutzend Lesungen absolvieren wird.

In den (größeren) Verlagen wird dieser Buchtourismus deshalb schon seit Längerem von eigenen Abteilungen professionell gemanagt. „Gerade weil die Nachfrage nach Hörbüchern stetig wächst und der Online-Verkauf ebenfalls zunimmt, werden Lesereisen als Marketing-Tool intensiviert“, sagt Katrin Wurch vom Münchner Knaus-Verlag, der „Tod in Weimar“ herausgebracht hat. „Für die Autorinnen und Autoren, aber auch für die traditionellen Buchhändler bieten Lesungen de facto die einzige Möglichkeit, sich persönlich zu positionieren.“

Vielen Schriftstellern dient die Lesereise auch zur Seelenmassage. Angesichts von mittlerweile rund 190.000 Neuerscheinungen pro Jahr – Koch- und Bastelbücher inbegriffen – befinden sich auch bekannte und erfolgreiche Schriftsteller in einem zunehmend härter werdenden Verdrängungswettbewerb. Die Münchner TV-Moderatorin und Autorin Amelie Fried etwa freut sich besonders darüber, die vielen engagierten Buchhändler kennenzulernen, die es (noch) überall gebe. „Sie machen sich große Mühe, damit wir Autoren uns wohlfühlen und das Publikum einen interessanten Abend erlebt. Von manchen Buchhandlungen werde ich regelmäßig eingeladen, und es ist jedes Mal großartig, die Wertschätzung zu spüren, die mir dort entgegengebracht wird“, sagt sie. Häufig bekomme sie auch ein Buch geschenkt, meistens einen Fotoband über die Stadt oder die Region, in der sie sich gerade befinde.

Lesereisen seien aber auch anstrengend, weil man für die zwei gemeinsamen Stunden mit seinen Lesern 24 Stunden unterwegs sei. „Aber ich liebe es, meinen Lesern von Angesicht zu Angesicht gegenüberzusitzen.“ Das Schreiben sei ja eine einsame Tätigkeit, für die man – außer durch die Buchverkäufe – mit dem Interesse und der Zuwendung derjenigen belohnt werde, die zu den Lesungen kommen. „Mich rührt es jedes Mal, wenn ich die vielen Menschen sehe, die extra gekommen sind, nur um mich vorlesen zu hören. Natürlich spielt in meinem Fall auch eine gewisse Neugier auf die ‚Fernsehnase‘ mit, die man gerne mal live sehen möchte. Aber die angeregten Frage-und-Antwort-Runden und Gespräche nach den Lesungen zeigen mir, dass es nicht nur darum geht …“

Das finanzielle Risiko einer Lesung tragen immer die privaten Veranstalter. „Heute Abend rechnet es sich“, sagt Philipp Brandt, während er das Stehpult wie von Horwitz gewünscht von der Bühne hinunterwuchtet. Aber er habe auch schon mittlere Katastrophen erlebt. „Gastronomie ist unberechenbar“, gibt der Hotelier zu, „aber Lesungen sind das leider auch, selbst wenn ich fest an sie glaube.“

So lädt er unverdrossen möglichst namhafte Schriftsteller zu sich an die Küste ein. Wladimir Kaminer und Ulla Hahn, Frido Mann, Andreas Englisch und auch Amelie Fried – um nur einige zu nennen – haben bereits hier gelesen. „Aber es war ein mühsamer Weg, die Veranstaltung hier oben bei uns zu etablieren“, sagt Brandt, „zuerst nimmt dich keiner ernst, dann melden sich die Neider zu Wort, doch wenn es dann tatsächlich über einen längeren Zeitraum funktioniert, wollen es alle gewusst haben.“ Dann kämen die Nachahmer um die Ecke, sodass es immer schwieriger werde, Termine zu finden.

Deshalb müsse er die Autoren besonders „begöschern“, denn die Höhe des Honorars sei nun mal nicht alles. Dazu gehöre unter anderem ein Drei-Gänge-Menü nach der Lesung, inklusive korrespondierender Weine und ausgesuchter, belesener Gäste. Zumeist serviert Brandt als Hauptgang gebratenen Angeldorsch, „die meisten bevorzugen ja was Leichtes zum schweren Bordeaux“, sagt er.

So viel Gastfreundschaft spricht sich in der Literaturszene offenbar herum, deren Mitglieder sich ihr Abendessen in der Provinz auch schon mal aus einem Süßigkeitenautomaten am Bahnhof ziehen müssen. So haben für dieses Jahr bereits Thea Dorn, Meike Winnemuth und Rüdiger Safranski ihre Teilnahme an der Hohwachter Lesewoche im September fest zugesagt. Es sind prominente Namen, aber noch lange keine Garantie für die angestrebte gegenseitige Bereicherung.

Der Super-GAU für alle Beteiligten ist natürlich ein leerer Saal. So erzählt der von der Kritik hoch gelobte Wahl-Berliner Michael Kleeberg („Vaterjahre“) von seiner „traumatischen Lesung“ in der renommierten Düsseldorfer Heinrich-Heine-Gesellschaft: „Dort las ich vor gerade mal fünf Zuhörern. Am Abend davor in Köln war der Saal ausverkauft gewesen, trotz herrlichen Wetters. Seitdem weiß ich wenigstens, dass es weder am Buch noch an mir liegen kann, wenn keiner kommt. Aber erklären kann ich das auch nicht.“

Nicht selten haben Autoren auch mit ungünstigen Rahmenbedingungen zu kämpfen; je tiefer es sie in die Provinz verschlägt, desto eher. Sylvia Lott zum Beispiel erinnert sich mit Schaudern an ihren Auftritt auf der Messe „Rhodo 2014“ in einer riesigen Pflanzenschauhalle in Westerstede, wo sie aus ihrem Roman „Die Rose aus Darjeeling“ las: „Vor der Bühne war eine Tanzfläche, dann kamen mehrere Reihen Holzstühle und dahinter noch ein Café – die Zuhörer waren also weiträumig verteilt, obwohl der Stoff nach Kerzenlicht und Intimität förmlich schreit. Während ich las, marschierten ununterbrochen Pflanzenexperten durch die Halle, um Rhododendren zu begutachten, und direkt hinter mir kämpften angehende Floristen in mehreren Kategorien um das jeweils beste Blumengebinde, wobei sie mit Sprechchören von ihren Fans angefeuert wurden.“

Im Gegensatz dazu wissen die Bildungsbürger aus dem „Grafenwinkel“, wie man sich zu benehmen hat. Pünktlich um sieben ist das zum Lesesaal umgebaute Hotelrestaurant bis auf den letzten Stuhl besetzt, werden die Mobilfunktelefone freiwillig ausgeschaltet. Es könnte also langsam mal losgehen. Fehlt bloß noch jemand: Dominique Horwitz.

Eine Viertelstunde später erscheint er dann, endlich, unterm Arm ein Manuskript, auf festem Papier gedruckt. Doch zunächst ordnet er (verdächtig absichtlich) umständlich sein Manuskript und gesteht lächelnd und in wohldosiertem Plauderton, dass sein Leben im Grunde ein einziges Chaos sei. Er gewährt tiefe Einblicke in sein Leben, bis hinunter in sein Herz. Gestern Bremerhaven, heute Hohwacht, morgen Moers, übermorgen Gotha. Dazwischen die Arbeit. Die Schreiberei, ja, natürlich, aber er spiele ja zurzeit noch den „Wallenstein“ im Weimarer Nationaltheater, und außerdem stünden im Frühling noch mehrere Liederabende an. Und zwischendurch fahre er immer wieder zurück nach Weimar, zu seiner Frau Anna, seinem Stern, seinem Alles, die in seinem Roman Laura heißt und ebenfalls ein Restaurant besitzt. Das Publikum lauscht gebannt, und Philipp Brandt, der sich im Hintergrund hält, atmet auf: Denn Horwitz‘ geschulte Stimme dringt auch ohne Verstärkung problemlos bis zur letzten Stuhlreihe durch.

Das Intro dauert gut zehn Minuten, aber dann wird es ernst, als Horwitz mit der eigentlichen Lesung beginnt. Nein, es wird sogar ziemlich lustig, denn er hat sich mit „Tod in Weimar“ – einer Hommage an seine Wahlheimat – ein Ein-Personen-Stück auf den eigenen Leib geschrieben. Die Kriminalkomödie dreht sich um einen Kutscher zwischen zwei begehrenswerten Vollweibern und eine Heerschar ebenso betagter wie skurriler Schauspieler, die in ihrem Altersruhesitz, der Villa Gründgens, eine unheimliche Mordserie nur teilweise überleben werden.

Mühelos schlüpft Horwitz in jede seiner Figuren: in sein Alter Ego, den Kutscher, den unfreiwilligen Mordermittler und ehemaligen Schauspieler Roman Kaminski (der einst auf der Theaterbühne „in Bruchsal weltberühmt war …“), oder in die mannstolle Heimleiterin Trixi Muffinger oder in den ebenso greisen wie kauzigen Mimen Leo Bamberger, der den jüdischen Part des Buches bestreitet, was aufgrund der räumlichen Nähe Weimars zum KZ Buchenwald zwingend logisch erscheint. Und wenn dann der ehemalige Buffo-Tenor Erwin Reichenbach (der „in Wuppertal weltberühmt gewesen ist“) am Klavier „Are You Lone­some Tonight“ intoniert, fängt Horwitz sogar zu singen an. Fast wie Elvis.

Ohne Frage ist er ein Meister der peniblen Beschreibung von Orten, Dingen und Situationen; am besten aber kommen seine – durch Roman Kaminski geäußerten – süffisanten und ironischen Interpretationen abstruser menschlicher Befindlichkeiten beim Publikum an. Gelesen könnte das alles jedoch, trotz zahlreicher, irrsinnig komischer und manchmal auch anzüglicher Sprachwendungen, gelegentlich ein wenig langatmig sein. Aber von Horwitz vorgelesen ist „Tod in Weimar“ zweifellos perfektes Entertainment auf hohem Niveau, obwohl er die eigentliche Handlung des Buches (die Jagd nach einem unheimlichen Serienmörder nämlich) nur am entferntesten Rand streift. Das sollen die Leute gefälligst selber lesen, so wie auch die saftigen Stellen. Schon jetzt wird klar: 35 Bücher und fünf Hörbücher sind zu knapp kalkuliert.

Nachdem der angeschwitzte Autor nach 75 Minuten die Standing Ovations des Publikums mit einer gewissen professionellen Rührung entgegengenommen hat, folgt der eigentliche Höhepunkt der Lesung (wahrscheinlich einer jeden Lesung): wenn das Publikum jetzt Fragen an den Autor stellen darf. Sofort schnellt der welkfleischige Arm einer irgendwie alterslosen Dame mit stark geschminkten, hohen Wangenknochen und flotter Kurzhaarfrisur in die Höhe. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie die gesamte Lesung über keine Reaktion gezeigt.

Ein Phänomen, das auch Amelie Fried schon häufig erlebt hat: „Bei fast jeder Lesung gibt es jemanden, der genau vor einem sitzt und den ganzen Abend keine Miene verzieht, was sehr irritierend sein kann“, sagt sie. „Man beginnt, nur noch für diese eine Person zu lesen, immer wieder zu ihr zu blicken, ob vielleicht endlich ein Lächeln oder eine andere Reaktion kommt. Danach ist man oft ziemlich frustriert. Man denkt, der ganze Abend war ein Fehlschlag, weil man es nicht geschafft hat, diesem einen Menschen eine Regung zu entlocken. Und dann kommt meistens genau diese Person zum Signieren an den Tisch und sagt: ‚Vielen Dank, das war ein besonders schöner Abend!'“

Doch in Hohwacht endet diese Geschichte anders: „Bitte!“, sagt Dominique Horwitz und erteilt der Fragerin das Wort. Es ist der Startschuss zu einem ausschweifenden Kurzreferat, in dem die Dame (die selbstverständlich „schon mehrere Male in Weimar gewesen ist und die Stadt dementsprechend gut kennt …“) in einem einzigen, atemlosen Bandwurmsatz, der mit Kommata, Semikolons und Gedankenstrichen gespickt ist, Horwitz‘ Wirken und Schaffen im Allgemeinem und Besonderen, ihre eigenen An- und Einsichten über Weimar, die deutsche Literatur schlechthin, Goethe und Schiller, das benachbarte KZ Buchenwald sowieso und Horwitz‘ Performance an sich und überhaupt überschwänglich lobt. Nach drei, gefühlt sind es sechs Minuten, schwillt das Räuspern und Murmeln des Publikums zu einem gnadenlosen Crescendo an. „Was war noch mal Ihre Frage?“, fragt Horwitz, der bisher keine Miene verzogen hat. „Ja, also, ich würde jetzt mal gerne von Ihnen wissen … (Horwitz hebt jetzt die linke Augenbraue) … also wie, von was, ich meine woher Sie Ihre ganze Kreativität beziehen.“

Die Anspannung des Publikums entweicht nun zischend wie die Luft aus einem löcherigen Fahrradschlauch. Horwitz kratzt sich am Kinn. Er wiegt seinen Kopf hin und her und deutet dann mit dem Zeigefinger auf den Hotelier, der im Türrahmen des Restaurants steht. „Gibt es hier vielleicht einen guten Weißwein?“, ruft er. Philipp Brandt nickt. „Das sollte sich machen lassen“, entgegnet er, doch etwas pikiert. „Dann hätte ich jetzt doch gerne eine Schorle!“, sagt Horwitz, was im Publikum sofort eine Bö der kollektiven Heiterkeit auffrischen lässt. Eine harsche Handbewegung des Zeremonienmeisters sorgt jedoch augenblicklich für Ruhe. „Wissen Sie, meine Damen und Herren“, sagt Horwitz ernst, „die Franzosen sehen das viel lockerer. Sie wissen vermutlich, dass ich in Paris geboren wurde. Und in Frankreich trinkt halt jeder einfach, was er will.“ Jetzt schweben Engel durch den Raum. „Niemand rümpft die Nase, wenn es jemanden nach Weinschorle gelüstet“, fährt er fort. Das Publikum seufzt betreten, und Horwitz sagt genüsslich: „Das wird schlichtweg nicht kommentiert …“ Andächtige Betroffenheit legt sich über den Saal. Viele Zuhörer wirken geradezu beschämt, weil sie es gewagt hatten, das Verlangen des Meisters nach einer schnöden Weißweinschorle infrage zu stellen.

„Aber nun zurück zu Ihnen, gnädige Frau!“, sagt Horwitz, während er das rasch gereichte Weinglas aus der Hand des Hoteliers entgegennimmt und einen großen Schluck trinkt. „Also wissen Sie, das kann ich Ihnen gar nicht so genau beantworten. Ich arbeite wahnsinnig viel, ich habe immer schon wahnsinnig viel gearbeitet.“

Und dann erzählt er von den zahlreichen Projekten, die er zurzeit in der Mache habe. Von Bühnenauftritten, denen sich nahtlos Lesungen anschließen, sowie dem Besuch im Tonstudio, wo er Hörbücher eingelesen habe. Von den Jacques-Brel-Liederabenden, vom Weimarer „Tatort“-Auftritt (gemeinsam mit Christian Ulmen), von seinen schier endlosen Auto- und Zugfahrten quer durch Deutschland, „wobei ich im ICE wenigstens schreiben kann, so wie auch in Cafés, in Restaurants oder in Hotelzimmern – am liebsten natürlich zu Hause in Weimar“, sagt Horwitz. „Manchmal betrachte ich mich dort im Spiegel und sehe einen Dominique Herkules Horwitz“, dröhnt Dominique Vorwitz.

Und da er jetzt in 132 zunehmend irritierte Gesichter blickt, weiß er, dass er die Pointe abfeuern muss: „Dann stand ich neulich im Bochumer Schauspielhaus auf der Bühne. Ein Strawinsky-Text, ein Rezitativ, ein wirklich sehr schwieriger Text … Da bin ich nach drei Minuten einfach umgefallen. Es war zum Glück kein Infarkt, aber hinter der Bühne habe ich mich erst einmal erbrochen.“ Also doch kein Übermensch, denken die Gäste.

„Hat denn jemand noch eine Frage?“, ruft er in den Saal. Die stark geschminkte Dame meldet sich.

„Sie sind aber zäh!“, sagt Horwitz, und erneut brandet Gelächter auf.

„Ja, das bin ich“, entgegnet sie, „aber ich kann auch sehr zärtlich sein, Herr Horwitz!“

Abgewöhnen ist zum Abgewöhnen

Als ich 14 Jahre alt wurde, war ich ein Junkie. Ein Nikotin-Junkie auf Markensuche, ich schwankte zwischen „Ernte 23“ (der bevorzugten Zigarettenmarke meines Vaters, stangenweise in der Anrichte seines Arbeitszimmers gehortet), „Peter Stuyvesant“, „Benson & Hedges“ und „Pall Mall de Luxe“ (die mein damals bester Freund Wolfgang rauchte) hin und her. Zigaretten waren damals, Mitte der 70er Jahre, zwar vergleichsweise zu heute günstig, aber das Taschengeld reichte selbstverständlich nicht zur Befriedigung meiner (unserer) Lieblingsbeschäftigung, der wir aufgrund unseres Alters natürlich heimlich nachgehen mussten. Aber wer damals, bei uns auf dem Dorf, nicht rauchte, gehörte auch irgendwie nicht dazu. Zum Glück hatten wir jedoch herausgefunden, dass man bei „Vivo“ (eine inzwischen verstorbene Supermarktkette) prima Zigaretten klauen konnte; erwischt wurden wir jedenfalls nie, was übrigens auch für die Heimlichraucherei gilt; jedenfalls soweit es mich betrifft. O ja, ich hatte großes Glück, dass meine Eltern rauchten – und praktisch alle ihre Freunde und Bekannten ebenfalls.

Wenig später, als nicht wenige von uns ihren Zigaretten gewisse libanesische und afghanische Aromen dem Tabak beimischten, wurde das Selberdrehen zum großen Hit; die Schlaffis und Kiffer im Jugendzentrum drehten hellbraunen „Javanse Jongens“, die Harten „Van Nelle Halfzwar“, doch die wahren Helden des Lungenzugs zogen „Schwarzen Krausen“ bis runter in die Alveolen. Wenn damals jemand in der Pause auf die Schultoilette musste, hatte er Pech, denn es qualmte, dampfte und rauchte aus allen Kabinen, die häufig von bis zu drei Leuten besetzt waren.

Mit 18 wurde ich dann gemustert: Mein Lungenvolumen betrug trotz der Raucherei (eine Schachtel täglich bzw. ein Beutel Tabak in zweieinhalb bis drei Tagen), der ich seit dem 16. Lebensjahr nun auch offiziell fröhnte, satte 6,8 Liter, und die 3000 Meter lief ich immerhin in 9,06 Minuten (der Weltrekord liegt heute bei 7,20 Minuten).

Warum ich das erzähle? Nun, weil es vermutlich die Erklärung dafür ist, dass es seit 42 Jahren praktisch kein einziges Foto von mir gibt, das mich ohne Zigarette zeigt. Und obwohl mein Lungenvolumen mittlerweile auf 3,9 Liter geschrumpft ist, ich beim Einschlafen meine Bronchien rasseln höre und mir eine Laufstrecke von 3000 Metern vorkommt wie die Halbmarathondistanz, rauche ich wahnsinnig gern.

Falsch. Würde ich wahnsinnig gerne weiterrauchen.

Aber heute ist es tatsächlich schon über sechs Wochen her (bei, zugegeben, drei einmaligen Rückfällen: nach vier, nach neun Tagen und gestern mittag, beim Hamburger Hafengeburtstag), dass ich keine Zigaretten mehr in der Wohnung habe. Dass ich nicht mehr rauche. Was mir jedoch keiner glaubt. Ich mir selbst am wenigsten, denn noch immer  überkommt mich schubweise ein irrer Schmacht, so dass ich buchstäblich die Wände hochgehen könnte. Und deshalb nehme ich es all diesen Helden, die behaupten, sie hätten ihre Zigaretten irgendwann einmal zur Seite gelegt, nie wieder angefasst und „damit überhaupt keine Probleme gehabt“, auch nicht ab, dass die jemals richtig geraucht haben.

Auslöser dieser für mich  unbegreiflichen Entscheidung war eine Geburtstagsfeier meines Lieblingskollegen Sven K., der das Erreichen seines 50. Lebensjahres in einer Raucherkneipe („Kuddl“) im Hellkamp in Hamburg-Eimsbüttel zelebrierte. Der schier ungebremste Konsum von „Jever“, „Helbing“ und (ungefähr alle 15 Minuten) einer aktiven Zigarette (hinzu kamen bestimmt 30 passiv-gerauchte Glimmstängel / Stunde) löste bei mir am nächsten Morgen einen Kater aus, den ich als monströs bezeichnen möchte. Noch in der Nacht hatte ich mir dennoch meine durchschnittliche  Tagesration (zwei Schachteln) am Nachtschalter auf der Tanke gekauft; nun saß ich mit einer Zigarette in der Hand und einem Becher Kaffee am Küchentisch und versuchte, mich an die Namen meiner Kinder zu erinnern. Ich zündete  die Zigarette an und wurde nach sogleich mit dem ersten entspannten Lungenzug von einem Hustenanfall der Extraklasse übermannt. Es war ein Husten, der nicht enden wollte.Irgendwann hörte das Bölken dann doch auf, und was nun folgte, war eine Übersprungshandlung, die ich mir bis  heute tatsächlich nicht erklären kann: Ich polkte die zweite, frisch gekaufte Zigarettenschachtel („Winston Red“) auf, ließ Wasser in beide Päckchen rinnen und warf dann diese zwölf Euro in den Mülleimer.

Bei meinem letzten Versuch vor einem Jahr, das Rauchen aufzugeben, war ich ja trotz großmäuliger Ankündigung bereits nach 36 Stunden mit Grandezza gescheitert. Total. Also würde ich beim nächsten Mal die Klappe halten. Kein Problem, ich kann ja jetzt sowieso nur schreiben, denn man redet ja nicht mit vollem Mund, und ich bin ständig am Kauen oder Lutschen oder Knabbern von irgendwas. Lieber eine Möhre statt einer Zigarette, sagte mein Hausarzt scherzend, aber welcher Idiot isst 4,5 Kilogramm Möhren pro Tag?

Überhaupt alles, was ich bisher über die Folgen des Abgewöhnens zu wissen glaubte, fällt unter die Überschrift „Fake-News“. Fror ich mir eben noch als Aussätziger vor Kneipen, Restaurants oder auf Balkonen beim Rauchen quasi alleine den Hintern ab, bin ich es jetzt zumeist, der mehrmals pro Stunde für jeweils zehn Minuten einsam zurückgelassen wird. Offenbar ändert sich ohne Nikotin an den Synapsen die Wahrnehmung.

Und Geld sparen? Was für ein Quatsch! Allein die tägliche Nikotinration zum Lutschen (zum Dämpfen meiner Gewaltphantasien) kostet ein Vermögen. Hinzu kommt meine komplett neue Garderobe, denn gegen die automatische Gewichtszunahme durch den nun reduzierten Stoffwechsel wäre nur ein Kraut gewachsen (ja, Tabak!) oder es hülfe eventuell Totalfasten oder 18 Stunden Jogging täglich, aber dafür fehlt mir die Zeit. Immerhin: Die acht Kilogramm mehr (bis jetzt) straffen wenigstens meine Haut. Die am Bauch. Und wie war das mit dem „freier atmen“? Um jetzt den Feinstaub der Großstadt tiefer runter in die Bronchien inhalieren zu können, ohne nach Luft zu ringen?

Auch der Geschmackssinn soll sich bekanntlich durchs Nichtrauchen verbessern. Na klar doch – dank der Nikotinbonbons schmeckt jetzt alles lecker nach Pfefferminz (aber ich möchte einfach nicht straffällig werden). Gestern fragte mich dann meine Freundin: „Wie willst du bloß von diesen Tabletten runterkommen, Junge?“

Auf diese Frage konnte es selbstverständlich nur eine Antwort geben. Mit Zigaretten natürlich.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Hundertjährige, der morgens in ein Taxi stieg und für immer verschwand

Der 2. Juli 2001 war ein heißer Sommertag, Vater und Sohn saßen im Park der Universitätsklinik in Lübeck und rauchten; er eine dünne Zigarre, ich mehrere Marlboros. Er wirkte vergnügt, geradezu heiter, trotz der OP, die ihm am nächsten Tag bevorstehen würde. Das Karzinom in seiner Speiseröhre, das gerade mal 3,4 Zentimeter lang war und etwa 1,2 Zentimer Durchmesser besaß, drückte auf einen zentralen Nerv, was das Schlucken erschwerte, aber er hatte sich zu keiner Zeit dazu herabgelassen, Kartoffelbrei oder „Astronautennahrung“ zu sich zu nehmen, sondern er hatte immer versucht, ganz normal zu essen – und natürlich gehörte auch der eine oder andere Gin Tonic dazu; freilich immer erst ab 17 Uhr, so wie damals am Speersort in den 50er und 60er Jahren, später auf dem „Affenfelsen“ in der Warburgstraße, wo sein Büro neben dem von Henri Nannen gewesen war.

Bei dieser Operation handelte es sich trotz der Diagnose (die zwei Jahre zuvor gestellt worden war) um einen relativ kleinen Eingriff, mit dem besagter Nerv verödet werden sollte – „um Lebensqualität zurückzugewinnen“, hatte der behandelnde Arzt gesagt, denn der Tumor wuchs extrem langsam, hatte noch nicht gestreut, und die Onkologen hatten übereinstimmend prognostiziert, „dass  der Krebs ihn mit diesem Tempo mit 99,9prozentiger Wahrscheinlichkeit überleben würde.“ Zu diesem Zeitpunkt war mein Vater 84 Jahre alt (man möge mir die leicht irreführende Überschrift bitte nachsehen). Ich war damals 40, verheiratet, Vater von drei Kindern – aber nach wie vor war ich auch Sohn.

Der Krebs, das fürchterliche Essen im Krankenhaus, die Operation: das alles war an diesem wunderschönen Sommertag kein Thema, ihn beschäftigten erstaunlicherweise ganz andere Dinge; etwa der Beruf des Journalisten, für den ich mich zu seinem Leidwesen 17 Jahre zuvor ebenfalls entschieden hatte.

Nun ist es wohl häufig so, dass Väter und Söhne, die denselben Beruf ergriffen haben, unterschiedliche Ansichten besitzen, vor allem über die Entwicklung einer Branche – dann tritt vermutlich schon mal so etwas wie ein Generationskonflikt zutage.

Mein Vater, ein Siebenbürger aus Hermannstadt, war bereits mit 19 Jahren aus Rumänien nach Berlin gegangen, hatte es 1937 an die „Reichspresseschule“ geschafft und hatte nach seiner Ausbildung als Lokalreporter bei der „Württembergischen Landeszeitung“ in Stuttgart angeheuert, ein gleichgeschaltetes, strammes NSDAP-Blatt selbstverständlich (wie alle Presseorgane im Dritten Reich), aber um es vorwegzunehmen: Man musste kein Parteimitglied sein, um als „kriegswichtiger“ Reporter an der „Heimatfront“ zu arbeiten. Doch zu Beginn des Jahres 1941 meldete er sich erstaunlicherweise freiwillig zur Luftwaffe, als Kriegsberichterstatter. Denn inzwischen hatten die Nazis damit begonnen, auch die „Volksdeutschen“ (zu denen natürlich auch die Siebenbürger Sachsen gezählt wurden) einzuberufen;  allerdings nicht zur Wehrmacht bzw. Marine oder Luftwaffe, sondern bevorzugt zur Waffen-SS oder gar zu den berüchtigten Polizeibatallionen, die bereits in Polen entsetzliche Kriegsverbrechen begangen und sich aktiv am Holocaust beteiligt hatten. Wobei auf den Straßen des Deutschen Reiches darüber allerhöchstens im Flüsterton gesprochen wurde, wenn überhaupt.

Dies jedoch nur zur (lückenhaften) Erklärung, warum mein Vater 1944 während eines Offizierslehrgangs in Potsdam den vier Jahre älteren Henri Nannen kennenlernte, der ja schon während der Olympiade 1936 – aus heutiger Sicht – „negativ“ aufgefallen war; später wurde Nannen Mitglied einer Propagandakompanie. Die beiden Männer freundeten sich an, der Krieg war bereits im „Endstadium“ – und verloren. Beide wussten das, und sie waren nicht die einzigen, die heimlich Pläne für die „Zeit danach“ schmiedeten.

Es gibt zahlreiche Beispiele für die vielen mehr oder minder gelungene Versuche unserer Väter (und auch Mütter), ihr Mitwirken an der Zeit zwischen 1933 und 1945 aufzuarbeiten, zu erklären, zu entschuldigen, zu verarbeiten. Soweit es meinen Vater betrifft, bin ich mir sicher, dass er sich nichts vorzuwerfen hatte. Er hatte ja auch kein Problem,  in Hamburg von der britischen Besatzungsmacht die Lizenz für eine Zeitung zu erlangen, „Die Straße“, bevor er 1949 die Selbstständigkeit aufgab und seinem „Kriegskameraden“ Henri Nannen zu dessen „Stern“ folgte. Wie gut sie miteinander befreundet waren (und arbeiten konnten), mag man auch der Tatsache entnehmen, dass meine Mutter (sie starb bereits vor 30 Jahren) ihre Schulkameradin Martha (beide stammten aus Kronstadt in Siebenbürgen… ) und Nannen 1947 in Hannover regelrecht verkuppelt hatte.

Aber das will ich ja alles gar nicht erzählen. Deshalb rasch wieder zurück in den Park des Lübecker Universitätsklinikums, wo wir nun schon eine gute Stunde saßen und mein Vater gegen seine neue Gewohnheit (seit der Diagnose) sich eine zweite Zigarre anzündete. Früher hatte er durchschnittlich 40 „Ernte 23“ und drei Pfeifen am Tag geraucht (und dem häufigeren Sodbrennen zu wenig Bedeutung beigemessen).

Es war manchmal nicht leicht, diesen Mann als Vater zu haben, wobei ich dieses Gefühl nur auf die gemeinsame Profession beziehe. Aber auch wenn Victor Schuller während seines Berufslebens nur äußerst selten repräsentative Aufgaben wahrnehmen musste (und das zumeist auch nur ziemlich widerwillig), so spielte er hinter den Kulissen des „Musikdampfers“ „Stern“ über drei Jahrzehnte eine entscheidende Rolle. Er besaß gleich zwei Spitznamen: Der eine lautete  „Herr der Texte“ (und bedarf vermutlich keiner besonderen Erklärung), der andere „Klimaanlage“ und bezog sich auf seine mediatorische Fähigkeit, so manche Kolleginnen und Kollegen, die bisweilen von Henri Nannen zurecht aber nicht selten auch zu unrecht in mehrere Einzelteile zerlegt worden waren, wieder zusammenzusetzen. „Beliebt“ wäre jedoch der falsche Ausdruck, „respektiert“ und „geachtet“ träfe es weitaus besser. Als er 1975 aus der „Stern“-Chefetage verabschiedet wurde, um dann noch viele weitere Jahre als Herausgeber der „Stern-Bücher“ zu fungieren, erhielt er vom Verlag unglaublich großzügige Abschiedsgeschenke, aber was ihn damals aus der Fassung brachte (zum ersten Mal wirklich aus der Fassung brachte), war das Geschenk eines Reporters (sein Name ist mir leider entfallen), der ihm einen billigen Kugelschreiber chinesischer Bauart überreichte, dessen Clou freilich ein eingebautes Pfeifenfeuerzeug war. „Immer wenn Sie meine Texte redigiert haben, Herr Schuller, ist Ihnen die Pfeife ausgegangen…!“

Und als Teile der nachfolgenden Riege der Heftverantwortlichen sich Anfang der 80er Jahre vom altgedienten Reporter Gerd Heidemann fatalerweise die „Hitler-Tagebücher“ andrehen ließen, was nicht nur die deutsche Presselandschaft erschütterte, sondern vor allem die nichtsahnenden Mitglieder der „Stern „-Redaktion, fragte der Verlag an, ob mein Vater, der an dieser entsetzlich peinlichen Affäre schließlich vollkommen unbeteiligt gewesen war,  sich vorstellen könnte, für mindestens drei Jahre an die Spitze der Redaktion zurückzukehren – als „Klimaanlage“, ja, durchaus auch als „Frühstücksdirektor“. Denn solch eine Redaktion wie die damalige „Stern“-Mannschaft war keine homogene Masse, sondern auch ein sensibles, fragiles Gebilde. Doch obwohl er sein einstiges Gehalt aus den 70er Jahren damit vervierfacht hätte, sagte er mit der ihm eigenen Konsequenz „nein“; er „fühlte sich den jungen Leuten gegenüber zu alt“, meinte er damals und außerdem hatte er gerade angefangen, Kochen zu lernen – ein Teil des Pflegeprogramms, das er sich wegen meiner schwerkranken Mutter auferlegt hatte (und ich habe bisher nie wieder ein besseres Tafelspitz gegessen).

Diese konsequente Haltung, einmal getroffene, persönliche Entscheidungen nicht wieder zurückzunehmen oder seine Meinung zu vertreten, war eine Charaktereigenschaft meines Vaters, die ab und zu zu gewissen Reibungen zwischen uns führten. Er hatte es jedenfalls als furchtbar empfunden, dass ich mir ausgerechnet „seinen“ Beruf ausgesucht hatte, und ja, es hat dann tatsächlich ziemlich lange gedauert, bis er mich anerkannte oder besser, meine Arbeit nicht mehr besonders kritisch sah – zunächst beim (privaten) Fernsehen, ab 1995 dann vornehmlich als freier Autor – überall dort, wo man Texte braucht.

Und nun spazierten wir durch diesen Park der Lübecker Universitätsklinik in Richtung Parkplatz, wo mein Motorrad stand und mein Vater, der im Jahre 1946 nach seiner abenteuerlichen Flucht aus Rumänien über Ungarn und Österreich auf einer Wehrmachts-BMW (die er in einer Scheune bei Salzburg „entdeckt“ hatte) freiwillig ins amerikanische Kriegsgefangenenlager in Fürstenfeldbruck gerollt war (wo er lediglich 14 Tage bleiben musste), betrachtete einige Augenblicke lang versonnen meine Maschine und schien sich dabei an seinen damaligen Husarenritt zu erinnern. Auf einmal sagte er: „Weißt du, ich habe mich einmal ziemlich geirrt. Nein, zweimal.“ Ich muss ihn ganz schön verständnislos angesehen haben, denn er fuhr fort: „Das erste Mal, als ich dich viel zu stark dazu gedrängt habe, dem Fernsehen den Rücken zu kehren und von RTL zu Springer zu wechseln. Das war mein Fehler. Und das zweite Mal, als ich dir geraten habe: ‚Mach einfach deinen Job gut, dann läuft alles wie von selbst.‘ Aber genau das ist nicht mehr der Fall, und ich glaube, es wird in unserem Job alles noch viel schwieriger werden, als es jetzt schon ist. Also, was ich dir damit eigentlich sagen wollte: Pass‘ gut auf dich auf!“

Ich bezog diese letzten mahnenden, väterlichen Worte zunächst auf die Gefahr des Motorradfahrens. Von der ersten großen Krise waren wir ja damals noch etwas mehr als neun Wochen entfernt (dann sollten die Attentäter des 11. September dafür sorgen, dass die beiden Türme des World Trade Centers in sich zusammenstürzen). Aber erst viele Jahre später habe ich  verstanden, dass er tatsächlich unseren (Traum-)Beruf gemeint hatte respektive die radikalen Veränderungen, die das (damals) kommende digitale Zeitalter für den Journalismus bereit halten würde. Ich könnte an dieser Stelle übrigens noch weitere Voraussagen oder Ahnungen meines alten Herren (auch aus anderen Lebensbereichen) zitieren, die dann auch genau so eingetroffen sind; häufig sogar erst viele Jahre später. Was mich wiederum dazu verleitet anzunehmen, dass verblüffend exakte Vorhersagen nur dann möglich sind, wenn große Lebenserfahrung mit dem genauen Blick fürs aktuelle Zeitgeschehen kombiniert wird – und für die Menschen.

Am nächsten Morgen, etwa gegen fünf Uhr, zog mein Vater dann unbemerkt „zivile“ Kleidung, also ein schickes Sakko und eine Jeans, an, verließ heimlich das Krankenhaus und bestellte sich an einer Telefonzelle ein Taxi. Gegen 6:30 Uhr erreichte er seine Wohnung, und dann muss er, vermutlich um die Mittagszeit herum, diesen bitter schmeckenden Cocktail getrunken haben, mit dem er sich der für diesen Vormittag vorgesehenen Operation entzog und meiner Mutter, 14 Jahre nach ihrem Tod, folgte.

Heute, am 22. April 2017, wäre er 100 Jahre alt geworden. Und würde er noch da sein, hätten wir kurz nach 17 Uhr bestimmt einen Gin Tonic getrunken. Mit ganz viel Eis.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Warum es manchmal besser ist, einfach frei zu machen

Aus dem verträumten Saarland, genauer: aus Saarbrücken, ereilte mich gestern, am Mittwoch 12. April 2017, über das Hamburger Abendblatt der Hilferuf eines Magazins, das ich bis dato nicht kannte. Als „Schwerpunktthema“ in einer der nächsten Ausgaben ist „Hamburg“ vorgesehen, und dem (wöchentlich erscheinenden) Magazin fehlten nun dummerweise „versierte“ Autoren für drei längere Strecken, die am 21. April 2017 in der Redaktion vorliegen müssen:

Eine unterhaltsam-informative Übersicht über Hamburgs Touristenattraktionen, 6000 bis 8000 Zeichen…

Eine Reportage über „Hamburg, die Musical-Hauptstadt“, 6000 bis 8000 Zeichen, und…

… eine Reportage über einen Stadtrundgang mit Olivia Jones; die Länge, ihr könnt es euch schon sicherlich denken, 6000 bis 8000 Zeichen

Zur Erinnerung: Die klassische Manuskriptseite hat 30 Zeilen à 60 Anschläge (= 1800 Zeichen). Wir reden hier also über – Pi mal Daumen – 12 bis 15 MS. Und ich helfe ja gern, wirklich.

Die freundliche Dame am anderen Ende der Leitung war sehr erleichtert zugleich, als ich mich bereit erklärte, die Jobs zu übernehmen; für das angebotene Honorar von 100 Euro pro Geschichte! Ja, wie geil ist das denn!! So leicht und locker habe ich noch nie 300 Euro in acht Tagen erschrieben!! Da ist es mir sogar völlig egal, ob die Umsatzsteuer bereits inkludiert ist oder nicht; da fragt man doch nicht nach, da ist man nur noch glücklich und unendlich dankbar!!!

Allerdings werde ich die Texte am 21. April 2017  wohl nicht, wie vereinbart, liefern. Am 22. April 2017 morgens auch nicht. Und am 21. April 2018 ebenfalls nicht. Vielleicht findet sich aber am 21. April 2017, abends, irgendjemand, der diese Jobs übernehmen will. Über Nacht, quasi. Das hielte ich jedoch für einen Verrat an unserer Zunft.

Warum der Shitstorm gegen eine neue Nivea-Werbung – schon aus der Historie heraus – total daneben ist

C26H53OH. So lautet die Summenformel einer Substanz, die erstmals von dem Chemiker Isaac Lifschütz aus dem Wollwachs von Schafen gewonnen wird, und ohne die wir heute vermutlich ganz schön alt aussehen würden. Wahrscheinlich sogar etwas ungepflegt, die Haut trocken, juckig und rissig. Vermutlich irgendwie alles zusammen.

Wir befinden uns im Jahr 1900. Lifschütz nennt seine Erfindung „Eucerit“. Das ist griechisch und heißt übersetzt „das schöne Wachs“, und das Lexikon beschreibt diesen ersten Wasser-in-Öl-Emulgator, der preisgünstig in großen Mengen hergestellt werden kann, als „hellgelbe, wachsartige und spröde Substanz; ein Gemisch aus aliphatischen Alkoholen, Sterinen sowie einem Cholesterinanteil von mindestens 30 Prozent“. Eucerit ist das molekulare Grundgerüst aller modernen Cremes, die in die Haut einziehen und ihr ohne störenden Fettfilm die notwendige Feuchtigkeit verleihen können – vorausgesetzt man mischt es mit Paraffin. In diese Masse wiederum lassen sich nun größere Mengen an Wasser einarbeiten, und das daraus entstehende „Eucerin“ bildet dann die eigentliche Salbengrundlage.

Doch was wären bahnbrechende Erfindungen ohne visionäres Denken und ohne unternehmerischen Geist? An dieser Stelle müssen wir einige Jahre zurückblicken: Paul C. Beiersdorf, 1836 in Neuruppin in der Mark Brandenburg geboren, lässt sich im Jahre 1880 als Apotheker in Altona nieder und erfindet in enger Zusammenarbeit mit Paul Gerson Unna (1850 – 1929), einem der bedeutendsten Dermatologen im Deutschen Kaiserreich, die „Guttapercha Pflastermulle“, den Vorläufer des späteren „Leukoplasts“, die Mutter heutiger Wundpflaster mit all ihren Variationen. Für seine “Mulle“ erhält er 28. März 1882 sein erstes Patent. Dieser Tag ist zugleich das Gründungsdatum der Firma Beiersdorf.

Dank des internationalen Rufs, den sein Mitstreiter Unna genießt, treffen nach und nach aus der ganzen Welt Bestellungen für den neuen Wundverband ein, „doch der Tüftler Beiersdorf besaß leider keinen besonders hoch entwickelten Geschäftssinn und Paul Gerson Unna betrachtete sich selbst in erster Linie als reiner Wissenschaftler“, sagt der Historiker Thorsten Finke, 39, der das Beiersdorf-Archiv verwaltet. Bis zum Jahre 1890 sind es gerade mal elf Angestellte, die das Pflastergeschäft von der Produktion bis hin zum Vertrieb abwickeln können. „Die Firma besitzt eigentlich Potenzial, aber zu diesem Zeitpunkt ist sie eben doch bloß ein ‚Laboratorium’“, sagt Finke.

Das ändert sich schlagartig, als ein gewisser Oscar Troplowitz, geboren 1863 im oberschlesischen Gleiwitz, die Firma von Paul C. Beiersdorf erwirbt. Troplowitz entstammt einer jüdischen Familie, die unter anderem mit einem Weinhandel ein nicht unbeträchtlichen Vermögen angehäuft hatte. Er selbst hatte in Breslau seinen Doktor der Pharmazie erlangt und erweist sich nun als Glücksfall: „Denn Troplowitz war in der Lage, von  Beginn an sowohl kunden- als auch markenorientiert zu handeln, dabei international zu denken und trotzdem auch noch die wissenschaftlich-fundierte Weiterentwicklung der Beiersdorf-Produkte stets im Auge zu behalten“, weiß der Historiker Finke zu berichten.

Das Tempo, das Troplowitz vorlegt, ist atemberaubend: Schon im Jahre 1892 feiert man am Lokstedter Steindamm – der heutigen Unnastraße in Eimsbüttel – auf einem 1800 Quadratmeter großen Grundstück Richtfest für eine moderne Produktionsstätte. Davor lässt er sich seine neue Villa errichten. 1893 schließt die Firma bereits einen Vertrag mit dem amerikanischen Handelshaus Lehn & Fink, Beiersdorf erhöht kontinuierlich die Pflasterproduktion, beginnt parallel hierzu mit der Herstellung von Arzneimitteln, und ab dem Jahr 1903 wird das Eucerit in größerem Stil vermarktet. „Troplowitz war zutiefst davon überzeugt, dass Markenartikel von zuverlässiger Qualität und nachvollziehbaren hohem Nutzen für den Verbraucher ein erfolgreiches Zukunftskonzept darstellen würden. Dazu gehört vor allem seine Vision, den Emulgator nicht nur für medizinische Salben sondern auch für kosmetische Zwecke zu nutzen“, sagt Finke. „Der Erfinder des Eucerits fand das allerdings nicht gerade seriös.“ Was Isaac Lifschütz jedoch nicht davon abhalten wird, weiterhin für Beiersdorf zu forschen. Er trifft eine richtige Entscheidung, wie wir bald sehen werden.

1906, im Todesjahr von Paul C. Beiersdorf, als in London die erste ausländische Geschäftsstelle eröffnet wird, holt Troplowitz seinen Schwager, den Altonaer Hilfsrichter Otto Hanns Mankiewicz, an Bord. Er macht seinen juristischen Berater zum Mitgesellschafter. Mankiewicz, Gründungsmitglied des noch heute bestehenden Deutschen Markenverbandes, soll vor allem „den Markenartikel-Gedanken“ fördern. Diese Personalie kann als weiteres Indiz für das strategische Denken des umtriebigen Unternehmers angesehen werden, der mit seiner Arbeit unzweifelhaft die Grundlagen für die Ausrichtung von Beiersdorf bis in die heutige Zeit hinein legt.

In jenem Jahr kommen das „Leukoplast“, aber auch eine weiße Seife auf den Markt, für die Troplowitz den Markennamen „Nivea“ eintragen lassen wird, der sich aus dem lateinischen „nix, nivis“ = „Schnee“ ableitet. Drei Jahre später wird dann mit der „Lippenpomade Labello“ der erste richtig erfolgreiche Kosmetikartikel ausgeliefert, bevor im weitere zwei Jahre später der wirklich große Coup gelingt: Troplowitz erwirbt von Lifschütz die Patentrechte für ein „Verfahren zur Herstellung stark wasseraufnahmefähiger Salbengrundlagen“ und rührt gemeinsam mit dem Chemiker und dem Hautarzt Unna aus Wasser, Alkane (Paraffin), Glycerin (wasserbindend), Dexpanthenol (entzündungshemmend), Zitronensäure (konservierend) und natürlich jeder Menge Eucerit die „Creme de la Creme“ zusammen. Die „Nivea“ ist – wie schon die Seife – von schneeweißer Farbe, duftet nach einer frischen Melange aus Bergamotte und Orange, dazu Lavendel, Rose, Flieder und Maiglöckchen und kommt in einer hübschen hellgelben Dose daher, die mit zartgrünen Jugendstilornamenten verziert ist. Sie schafft es noch rechtzeitig vor Weihnachten 1911 in die Drogerien und Apotheken. Sie wird schon bald das kommerzielle Fundament bilden, auf dem der Aufstieg von Beiersdorf beruht.

Nicht einmal drei Jahre später, am 1. August 1914 – dem Tag des Kriegseintritts des Deutschen Reiches – werden bereits 42 Prozent des Umsatzes im Ausland erwirtschaftet. Das Unternehmen ist ein „Global Player“, es unterhält Geschäftsbeziehungen zu 34 Ländern und kann in Wien die erste Tochtergesellschaft gründen.

„Neben seinen unternehmerischen Fähigkeiten war Troplowitz auch ein sehr empathischer Mensch, der viel Sinn für das Soziale, das Schöne und für die Kunst besaß“, sagt Thorsten Finke. Darunter fielen einerseits sein Faible für die moderne Malerei (er kauft als erster Hamburger einen Picasso; seine umfangreiche Sammlung wird nach seinem frühen Ableben 1918 und dem Tod seiner Frau nur zwei Jahre später der Hamburger Kunsthalle vermacht), vor allem aber sein für die damalige Zeit revolutionäres soziales Engagement: Schon ab 1897 lässt er die Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich auf 48 Stunden senken, führt den bezahlten Urlaub ein, gründet eine Unterstützungskasse für in Not geratene Mitarbeiter sowie eine Alters- und Hinterbliebenenstiftung. Diese „Troma“, die nach ihm und seinem Schwager und Mitgesellschafter Mankiewicz benannt wird, existiert – in leicht veränderter Form – bis heute.

Keine dieser Sozialleistungen werden in den kommenden 118, teilweise stürmischen Jahren Firmengeschichte in Vergessenheit geraten, sondern fest in der Unternehmenskultur verankert und ausgebaut werden. So gründet Beiersdorf als eines der ersten hamburgischen Unternehmen Anfang der 90er Jahre einen Betriebskindergarten. „Man könnte sagen“, so Thorsten Finke, „dass der Geist von Oscar Troplowitz noch immer über unserem Betriebsgelände schwebt.“ Das lasse sich hervorragend daran festmachen, dass die durchschnittliche Betriebszugehörigkeit der Mitarbeiter heutzutage bei 23 Jahren liege. Man könne daher ebenfalls sagen: Einmal ein „Beiersdorfer“, immer ein „Beiersdorfer“.

Die Zusammensetzung und der Duft der Niveacreme sind bis heute nur marginal geändert worden. Die Verpackung dagegen erfährt schon 1925 eine Verwandlung, die dem Hauptprodukt des Unternehmens noch einmal einen gewaltigen Schub verleihen wird: Die Farbe der Dose wird von gelb in blau geändert, und statt der Verzierungen prangt jetzt nur noch der Name NIVEA CREME in klaren, geraden, weißen Versalien auf dem Deckel. Im Zuge dieser Umgestaltung spielen auch bei der Werbestrategie jetzt weniger die Gesundheit, sondern die „neuen Lebenswelten“ Freizeit, Sport und Natur die Hauptrolle.

Doch diese zweite Revolution haben weder Oscar Troplowitz noch Otto Hanns Mankiewicz miterleben dürfen: Der unermüdliche Antreiber stirbt am 27. April 1918, sein Schwager nur sieben Monate später am 2. Dezember. Die Erben aber können oder wollen sich über die Zukunft des Unternehmens nicht einigen. Schließlich wollen die meisten von ihnen verkaufen und Kasse machen, aber nun tritt die Hamburger Warburg-Bank auf den Plan. Curt Melchior, Mitinhaber des privaten Bankhauses und einer der einflussreichsten Finanzexperten jener Tage (er war 1919 bei den Friedensverhandlungen in Versailles Mitglied der Deutschen Finanzdelegation), drückt die Gründung einer GmbH durch, die am 1. Juni 1922 in die Aktiengesellschaft P. Beiersdorf & Co. AG umgewandelt wird. Der promovierte Apotheker und Naturwissenschaftler Willy Jacobsohn, der seit 1914 bei Beiersdorf arbeitet, wo er das Labor und die Auslandsabteilung leitet, wird zum Vorstandsvorsitzenden berufen. Isaac Lifschütz verzichtet auf einen Sitz im Aufsichtsrat: Dank des Patents für sein „Eucerit“ soll er zu diesem Zeitpunkt angeblich das zwanzigfache Jahresgehalt des gesamten Vorstands verdienen…

Jacobsohn setzt da an, wo Troplowitz aufgehört hat: Als 1929 die Beiersdorf-Aktie erstmals an der Hamburger Börse gehandelt wird, existieren weltweit bereits 20 Produktionsstätten. 1932 arbeiten mehr als 500 Menschen am Hamburger Hauptfirmensitz, ab 1934 bringt Elly Heuss-Knapp als freie Mitarbeiterin die Kino- und Hörfunk-Werbung für Nivea auf modernes Zack. Die Erfinderin des „Jingles“ wird bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges für Beiersdorf tätig sein; ein paar Jahre später wird sie als Ehefrau des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss die „First Lady“ der neu gegründeten Bundesrepublik. Und ab 1936 klebt dann der „tesafilm“ zusammen, was zusammen gehört. Noch so eine Weltmarke, die in Eimsbüttel geboren wird.

Das Betriebsgelände muss durch Grundstücksankäufe ständig vergrößert werden. Heute nimmt die Gesamtfläche 74.000 Quadratmeter ein, von denen rund 33.000 Quadratmeter bebaut sind – und das mitten in einem Wohngebiet. Die Konzernzentrale an der Unnastraße (seit dem 22. Dezember 2008 gehört Beiersdorf zu den 30 DAX-Unternehmen) steht fast genau an der Stelle, an der Oscar Troplowitz einst seine Villa erbauen ließ.

Den Erfolg des Unternehmens können auch die Nationalsozialisten nicht aufhalten. Dabei ist Beiersdorf ein Unternehmen, dass von Anfang an maßgeblich von jüdischen Wissenschaftlern und Kaufleuten geprägt und aufgebaut wurde. Auch die Inhaber der Hausbank Warburg gehören dazu. 1933 müssen Willy Jacobsohn sowie die anderen jüdischen Mitglieder des Aufsichtsrats zurücktreten (Jacobsohn übernimmt die Leitung des Auslandsgeschäfte von Holland aus, von wo er dann 1938 über London in die USA nach Los Angeles emigriert), aber den „arischen“ Mitbewerbern reicht das noch nicht. Sie starten immer wieder Hetzkampagnen gegen die Hamburger Firma: „Kauft keine Judenkrem!“ heißt es unter anderem, doch mit solchen rassistischen Parolen können sie die Markentreue der Kunden zu einem bewährten und beliebten Produkt nur bedingt erschüttern.

In diesen dunkelsten Jahren der deutschen Geschichte, die nach Millionen Toten und weitgehend  zerstörten Städten erst am 8. Mai 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation enden werden, übernimmt der gebürtige Bremerhavener Speditionskaufmann Carl Claussen, seit 1920 im Beiersdorf- Aufsichtsrat, das Ruder. Es gelingt ihm, das Unternehmen einigermaßen unbeschadet durchs Dritte Reich zu steuern und sofort nach Kriegsende den Wiederaufbau der teilweise zerstörten Produktionsanlagen anzukurbeln. Eine der größten Schwierigkeiten besteht jetzt darin, die Nivea-Markenrechte zurück zu kaufen, da viele der ausländischen Beiersdorf-Niederlassungen während des Krieges zwangsenteignet und häufig meistbietend versteigert worden waren. Wer beispielsweise noch Anfang der 90er Jahre in Polen eine Dose Niveacreme kauft, erhält ein polnisches Produkt. Polen ist im Jahre 1998 das letzte Land, das die Markenrechte an Beiersdorf wieder abtritt.

Für den Historiker Thorsten Finke, der schon während seines Studiums bei Beiersdorf gejobbt hatte, sei es „schlichtweg sein Traumjob“. Dies liege zum einen daran, sagt er, dass er über ein umfangreiches Archiv verfüge, das trotz der Luftangriffe den Zweiten Weltkrieg relativ unbeschadet überstanden habe. Über 150.000 Anzeigen und Plakate, 60.000 Originalverpackungen sowie eine große Zahl historischer Fotos und Unterlagen werden hier aufbewahrt. „Es ist jeden Tag aufs Neue interessant zu sehen, auf welchen kleinen Märkten man sich im Laufe der Firmengeschichte bewegt hat und noch heute bewegt“, sagt Finke, der in seinem Reich in der sechsten Etage unterm Dach mindestens zwei- bis dreimal pro Woche Besuch von „Beiersdorfern“ aus der ganzen Welt empfängt. „Neulich waren die Argentinier hier. Die waren total überrascht, dass Beiersdorf schon in den 30er Jahren individuelle Reklame für ihren Heimatmarkt produziert hatte. Sie wussten das gar nicht.“

Zum anderen, so Finke, habe sich aber auch das Bild des Archivars gewandelt: „Die Historie bekommt einen immer höheren Stellenwert. Denn wir können uns durch einen gezielten Blick zurück häufig rascher nach vorn in die Zukunft orientieren und somit wertvolle Entwicklungszeit sparen.“ Im Klartext: Für einige Ideen, die aus der traditionell engen Zusammenarbeit der Marketingabteilung mit der Forschungsabteilung entstanden waren, sei die Zeit vor zwei oder drei Jahrzehnten vermutlich einfach noch nicht reif gewesen – wie etwa die kostensparende und umweltverträgliche Nachfüllpackung aus Pappe (!) fürs „8×4“-Deodorant Anfang der 80er Jahre. „Vielleicht nimmt man irgendwann diese Idee wieder auf und transferiert sie in unsere Zeit“, sagt Finke. Doch das

Hauptaugenmerk gelte doch immer Nivea, der „Urzelle“ des Unternehmens.

Zurzeit produziert das Hamburger Werk über 125 Millionen Dosen Niveacreme in elf verschiedenen Packungsgrößen pro Jahr. Auch die Dose selbst wird hier aus Aluminiumblechen herausgestanzt und mit dem unverwechselbaren Blauton „Pantone 280C“ überzogen, den Beiersdorf vor einigen Jahren als Marke beim Bundespatentamt eingetragen hatte. Was der Wettbewerber Unilever, bekannt für die Kosmetikmarke Dove, nicht hatte hinnehmen wollen. Denn gerade die Farbe ist für den Endverbraucher – noch vor dem Schriftzug – das primäre Erkennungszeichen einer Marke. Uilever hätte deshalb liebend gern auch mal „blau gemacht“ wollen und war deshalb juristisch gegen das Farb-Patent vorgegangen. Vor dem Bundesgerichtshof hat Beiersdorf im Juli dieses Jahres jedoch einen Etappensieg in dem seit Jahren schwelenden Rechtsstreit errungen: Der BGH hat den Fall wieder zurück ans Bundespatentgericht verwiesen. Jetzt sollen die Konsumenten in einer weiteren, „methodisch sauberen“ Umfrage entscheiden, „ob sie die Farbe Blau mit den Hamburger Körperpflegeprodukten in Verbindung bringen“. 55 Prozent der Verbraucher tun dies übrigens schon.

Es ist natürlich nur eine Momentaufnahme, aber wer sich als Besucher auf dem Beiersdorf-Gelände aufhält, bekommt ziemlich rasch den Eindruck, dass er in lauter zufriedene Gesichter sieht. Sogar dann, wenn er sich in der Abfüllung befindet, wo de gewaltige Maschinenpark monoton rattert und klackert. In drei Schichten, rund um die Uhr. Machen Nivea-Produkte etwa nicht nur schön, sondern außerdem glücklich? „Glücklich nicht unbedingt, aber ich bin wirklich stolz, hier arbeiten zu können“, sagt Boja Tadic und nimmt dabei unbewusst Haltung an. Die gebürtige Bosnierin, sie ist 59 und inzwischen fünffache Großmutter, hat 1980 bei Beiersdorf angefangen, sich zur Maschinenführerin hochgearbeitet und denkt bereits jetzt schon mit „Wehmut ans Aufhören“. Dabei wird sie erst in vier Jahren in Rente gehen. „Aber was soll ich dann machen?“, fragt sie und fügt hinzu: „Wissen Sie, hier herrscht wirklich ein Super-Arbeitsklima. Und das liegt auch vor allem am Produkt.“

Ihr Teamleiter Thorsten Dähn, 50, der mit 16 Jahren als Elektroinstallateur-Lehrling bei Beierdorf angefangen hatte, spricht in diesem Zusammenhang vom „Nivea-Spirit“, womit er aber auch weniger die beispielhaften Sozialleistungen seines Arbeitgebers meint: „Egal, wohin ich mit meiner Frau – die ich übrigens hier im Werk kennen gelernt habe – in den Urlaub fahre: Nivea ist schon da! Und ich weiß, dass ich die abgefüllt habe.“ Dann bricht es förmlich aus ihm heraus: „Es ist ja auch einfach eine geile Creme!“ Solch eine positive Identifikation der Belegschaft mit dem eigenen Produkt findet man sicherlich nicht alle Tage.

Die „geile“ Creme ist – nebst ihren zahlreichen Verwandten, die wie der Einfachheit halber „Produktfamilie“ nennen wollen – zurzeit in über 200 Ländern erhältlich. Damit ist sie eines der bekanntesten Markenprodukte weltweit. Das hat die Nivea-Familie jedoch nicht nur ihrer Qualität, sondern unter anderem auch einem Werbemittel zu verdanken, das ebenfalls an (fast) allen Stränden dieser Erde nicht fehlen darf: dem aufblasbaren, blauen Nivea-Ball. Die Idee entsteht in den 50er Jahren, als die Reiselust langsam wieder erwacht. Darauf hin schickt Beiersdorf Werbeteams in auffälligen VW-Bullys an die europäischen Strände und lässt die Bälle millionenfach von hübschen Badenixen verteilen.

Diesen Kult-Artikel gibt es – natürlich – auch in einem der drei Nivea-Häuser. Der erste dieser „Flagship-Stores“ wurde 2006 am Hamburger Jungfernstieg eröffnet, der zweite 2008 in Dubai (der Nahe Osten gehört für Beiersdorf schließlich zu den wichtigsten Wachstumsmärkten) und der dritte 2009 in Berlin, in Sichtweite des Brandenburger Tores. Der Hintergrund ist die Stärkung der Markenkommunikation. „In den Nivea-Häusern sollen die Verbraucher mit exklusiven Produkten, Massagen oder Gesichtsbehandlungen ihrer vertrauten Marke noch näher kommen“, sagt Martina Perez, eine Sprecherin des Konzerns. „Unser Konzept heißt ‚Kurzzeit-Wellness’ ohne Voranmeldung.“ Was den Beiersdorfern seit einiger Zeit zunehmend und sicherlich auch angenehm auffällt ist, dass immer mehr Männer ihre Schwellenangst vor „dem Kosmetikstudio“ zu verlieren scheinen. „Ja, mindestens jeder vierte Termin wird inzwischen von einem Mann wahrgenommen“, sagt Lana Lessin-Rymar, 28, Leiterin des Wellness-Bereichs, während sie ihrem Klienten Francisco Castilla nach der Behandlung noch eine zarte Gesichtsmassage angedeihen lässt, zur Entspannung. Der 35-jährige Referent für Zollwesen in einem großen Elektronikkonzern ist Stammkunde. Für das regelmäßige, tiefenreinigende Hautvergnügen gäbe er rund 100 Euro im Monat aus, sagt er. „Die Entspannung ist allerdings eher sekundär, denn ich hatte mit meiner Haut Probleme“, gibt er offen zu, „bis eine Freundin mir vor zwei Jahren den Tipp gab, es doch mal mit einer professionellen kosmetischen Behandlung zu versuchen. Gutes Aussehen ist schließlich eine Visitenkarte, oder?“

Gleichzeitig dienen diese drei Wellness-Oasen auch als ständig präsentes Marktforschungsinstrument.

Überhaupt, die Forschung: Alleine 650 Beiersdorfer entwickeln, experimentieren, überprüfen und testen (häufig auch in Kooperation mit Universitäten und angesehenen Instituten für dermatologische Grundlagenforschung und Produktentwicklung) alle hauseigenen Produkte im Forschungszentrum, das 2004 in der Troplowitzstraße eingeweiht wird. Dabei legen die Wissenschaftler großen Wert auf die Erfahrungswerte der Konsumenten. Rund 40.000 Probanden werden hier pro Jahr zu begrüßt. Während die einen im Erdgeschoß mit Produktforschern über ihre perönlichen Anwendungsgewohnheiten und Wünsche diskutieren, schwitzen andere in den „Hot Rooms“ genannten Mini-Saunen, um die Wirkungsweise von Deodarants zu testen. Andere lassen sich in eigens eingerichteten Badezimmern freiwillig beim Rasieren, Eincremen oder Haarewaschen beobachten, denn die Beiersdorfer   wollen auch wissen, ob sie die Verpackungen optimieren oder die Produkte selbst noch „anwendungsfreundlicher“ gestalten müssen. Nebenan werden die Faltentiefe der Gesichtshaut vor und nach der Anwendung von Anti-Falten-Cremes vermessen, die Wirkung von straffenden Pflegeprodukten in der Tiefe der Haut mit Lasermikroskopen überprüft oder die Resultate von Haarpflegemitteln untersucht. Alleine im Jahr 2014 werden im Testzentrum rund 1300 verschiedene Studien durchgeführt.

In den Etagen über dem Testbereich befinden sich die Labors, wo die Human-, Zell- und Molekularbiologen, Immunologen und Biochemiker mit Hilfe der Elektronenmikroskopie ganz genau hinschauen und wo – neben ständigen Qualitätskontrollen – mit biochemischen, molekularbiologischen oder zelldynamischen Verfahren an Zellkulturen die Prozesse in den verschiedenen Schichten der menschlichen Haut erforscht werden, um eventuell neue Hinweise darauf zu erhalten, wie die Pflegemittel die Stoffwechselprozesse in der Haut noch besser als bisher unterstützen können.

Hier arbeitet auch der Chemieingenieur Peter Maurer – aus „Liebe zur Haut“. Der 49-jährige, seit 20 Jahren in der Firma, verantwortet eine von drei Forschungsabteilungen, die für „Seifen, Duschen und Männer zuständig sei“, sagt er und lächelt. An der Glastür zum Labor prangt ein Schild: „Welcome to the Regions“. Maurer nickt. „Die Bedürfnisse der Menschen sind ja sehr komplex und sehr verschieden“, sagt er, „da gibt es die ethnischen Unterschiede, und auch die klimatischen Lebensbedingungen spielen eine große Rolle. Asiaten beispielsweise haben häufig eine fettere Haut, dunkle Hauttypen leiden häufiger an Akne, hellere Hauttypen altern dafür schneller. Und Männerhaut ist etwa um ein Fünftel dicker als die Haut einer Frau.“

Die Männerkosmetik spielt für Beiersdorf seit den frühen 80er Jahren eine immer wichtigere Rolle. Mit dem „pflegenden After Shave Balsam“ wagt man sich damals als erstes Unternehmen seiner Art auf den Massenmarkt. „Nivea for Men“ ist die Basis für weitere Männerpflegeprodukte. Heute verzeichnet der „Männermarkt“ im Vergleich zum Frauenmarkt zwar immer noch „nur“ ein Drittel von dessen Umsätzen, aber er wächst rasant. Obwohl es zumeist immer noch die Frauen sind, die für ihre Partner Kosmetika einkaufen. Vermutlich tun sie das auch, um deren heimlichen Griff in ihre Tiegel und Cremetöpchen zu verhindern. „Grundsätzlich forschen wir nach den Bedürfnissen der Verbraucher“, sagt Maurer, „und dabei spielt die Psyche eine gewichtige Rolle.“ So müsse man vor allem diejenigen Männer versuchen „abzuholen“, die sich bisher nicht an Kosmetika herangetraut haben, obwohl sie spürten, dass sie trockene Haut haben und ihr klassisches After Shave eigentlich nur brennt und einen Hautausschlag hervorruft. Aber Maurer weiß auch: „Männer sind eben Problemlöser, die sich nie lange mit solchen Dingen aufhalten wollen.“

Zwei Jahre Entwicklungszeit haben die Beiersdorfer gebraucht, um im April dieses Jahres die Männer mit einer neuen, speziellen Creme „nur für ihn“ zu beglücken, die gleichzeitig fürs Gesicht, die Haut und die Hände geeignet ist. Die bisherigen (geheimen) Verkaufszahlen, so Peter Maurer, belegten, dass sie offenbar einen Volltreffer gelandet hätten. „Bei der Vermarktung kam es uns nicht nur auf die Konsistenz, den Duft und die feuchtigkeitspendende Wirkung an“, sagt er, „sondern wir haben auch einen besonders großen Wert aufs Design gelegt.“ Er nimmt die dunkelblaue Dose in die Hand und betrachtet sie. „Es ist ein männliches Design, aus einem Guss. Kantig, eckig, echt – und die Cremedose hat auch einen Schraubverschluss.“ Er hält einen Moment lang inne. Dann sagt er: „Denn wenn die Dose erstmal leer ist, können Männer darin ganz prima Schrauben aufbewahren.“

 

Infokasten

 

Beiersdorf im Jahre 2015 ist ein global agierendes Unternehmen mit mehr als 150 Tochtergesellschaften weltweit. 17.000 Menschen arbeiten für den DAX-Konzern, der in zwei getrennte Geschäftsbereiche gegliedert ist. Den Schwerpunkt bildet der Unternehmensbereich Consumer, der sich auf die internationalen Märkte der Haut- und Körperpflege konzentriert. Der Unternehmensbereich tesa ist mit rund 6500 verschiedenen Produkten einer der weltweit führenden Hersteller von selbstklebenden Produkten und Lösungen für Industrie, Gewerbe und Konsumenten.

Das Firmenportfolio des Consumerbereichs umfasst neben Nivea so bekannte Marken wie Labello, Hansaplast, Eucerin, Florena, 8×4, atrix und La Prairie. Der Gesamtumsatz des Unternehmens konnte im Jahr 2014 nominal um 2,3 Prozent auf insgesamt 6,285 Mrd. Euro gesteigert werden.

Der Beiersdorf-Hauptsitz befindet sich in Hamburg. Weitere deutsche Standorte sind Berlin, Emmerich am Rhein, Hannover, Offenburg und Waldheim.

Der hohe Stellenwert, den das Unternehmen in Hamburg genießt, lässt sich im Jahre 2003 am Ergebnis einer zweijährigen Übernahmeschlacht ablesen. Damals verhinderte die sogenannte „Hamburger Lösung“ eine Beteiligung des Kaufinteressenten und direkten Konkurrenten Procter & Gamble, als ein   Konsortium unter Führung der Tchibo Holding AG (jetzt maxingvest ag) von der Allianz 19,6 Prozent der Aktien kaufte und seinen Anteil damit auf 49,9 Prozent aufstockte, während die Allianz 3,6 Prozent behielt. Die der Stadt Hamburg gehörende HGV Hamburger Gesellschaft für Vermögens- und Beteiligungsmanagement mbH erwarb weitere 10 Prozent der ehemaligen Anteile der Allianz und veräußerte diese nach rund drei Jahren wieder. Zuvor hatte die Hamburger Politik befürchtet, Procter & Gamble könnte das Traditionsunternehmen „ausbluten“ lassen und lediglich die Marken verwerten.

Unter Stefan F. Heidenreich, Vorsitzender des Vorstands der Beiersdorf AG, nahm das Unternehmen im Jahre 2012 durch die Reduzierung auf seine ursprünglichen Kernkompetenzen einen Strategiewechsel vor: Die „Blue Agenda“ soll mit engagierten Mitarbeiter die Marken stärken, die Innovationskraft erhöhen und die Präsenz in den Wachstumsmärkten ausbauen. Privat mag Heidenreich übrigens auch die Farbe braun: Er ist begeisterter Fan des FC St. Pauli und besitzt „selbstverständlich eine Dauerkarte“.

 

 

 

 

 

Irre ist menschlich

Depressionen, Psychosen, Essstörungen: Die Zahl der Menschen, die Hilfe suchen, steigt dramatisch an. Für schwere psychische Erkrankungen gilt das nicht unbedingt, doch die Angst vor psychischen Erkrankungen ist trotzdem groß. Häufig zeigen sich die ersten Symptome bereits im Jugendalter, aber sie werden nicht rechtzeitig erkannt. Die Psychiater und medizinischen Psychologen am Universitätsklinikum Eppendorf beschreiten jetzt neue und erfolgversprechende Wege bei der Behandlung dieser extrem teuren Volkskrankheiten, die jeden treffen können. Dabei geht es auch um den Abbau von Vorurteilen: Gemeinsame Projekte mit Erfahrenen und Angehörigen sorgen für Sensibilität und Toleranz.

Die Sprüche waren immer dieselben: „Reiß‘ dich zusammen!“, hieß es oder auch „Stell‘ dich doch nicht so an!“ oder „Das wird schon wieder, Susi: Guck‘ doch bloß mal, wie schön die Sonne scheint!“ Aber Susanne Hartwig, heute ist sie 47, konnte sich damals, im Frühjahr 2005, weder zusammenreißen noch konnte sie sich an schönem Wetter erfreuen, auch wenn sie dies immer wieder tapfer versuchte. Denn eine für sie – zunächst unerklärliche – Angst hatte von ihr Besitz ergriffen: Sie hatte Angst davor, Bus und U-Bahn zu fahren, in Kaufhäuser oder Konzerte zu gehen und sogar das Autofahren hielt sie bald kaum mehr aus. „Da war immer die Furcht, irgendwas könnte passieren und ich komme dann nicht mehr raus“, sagt sie. Dennoch schleppte sie sich Tag für Tag zu ihrem Arbeitsplatz in der Lohnbuchhaltung einer Hamburger Spedition, wo sie zum damaligen Zeitpunkt fünf Jahre lang gearbeitet hatte, und das sehr gerne. Sie hatte die Abteilung, als Schwangerschaftsvertretung, sogar ein knappes Jahr lang kommissarisch geleitet, aber dann hatte sich die Firma aufgrund von „Umstrukturierungsmaßnahmen“ doch für eine neue Abteilungsleiterin entschieden. Susanne Hartwig kehrte, wenn auch ein wenig enttäuscht, zurück ins zweite Glied.

Damit begannen die Demütigungen, die sie zunächst klaglos ertrug, „aber heute weiß ich, dass ich genau das zu lange mitgemacht habe. Es war klassisches Mobbing“, sagt sie, „meine neue Chefin war extrem eifersüchtig und versuchte mit allen Mitteln, mich aus dem Team rauszuekeln und loszuwerden.“ So erhielt Susanne Hartwig in den kommenden Monaten etwa ein halbes Dutzend ungerechtfertigter Abmahnungen, wurde in Besprechungen vor ihren Kollegen lächerlich gemacht; Terminarbeiten, die sie zu erledigen hatte, „verschwanden“ auf unerklärliche Weise oder es tauchten Fehler in ihren Abrechnungen auf, die sie nachweislich nicht begangen hatte. Nach etwa einem Dreivierteljahr überfielen sie die ersten Panikattacken. „Ich verstand mich anfangs selber nicht, aber dann wurde es rasch unerträglich – ich wollte eigentlich nicht mal mehr raus vor die Wohnungstür.“

Die Panikstörung und die Agoraphobie („Platzangst“) gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Fünf von 100 Menschen leiden mindestens einmal im Leben an einer dieser Störungen, in Deutschland sind zurzeit etwa 1,5 Millionen Menschen betroffen, Frauen übrigens doppelt so häufig wie Männer. Ohne therapeutische Hilfe entwickeln sich häufig weitere Erkrankungen (oder treten gemeinsam mit der Panikstörung auf), wie Depressionen, somatoforme Störungen sowie Alkohol- oder Medikamentenmissbrauch.

Susanne Hartwig hatte jedoch „unverschämtes Glück“, wie sie heute sagt. Denn sie lebte in einem stabilen privaten Lebensumfeld, hatte einen verständnisvollen Partner, doch vor allem hatte sie einen Hausarzt, der sich bei der Anamnese Zeit ließ, intensiver in sie hineinhorchte und ihr schließlich den wahrscheinlichen Grund für ihre Panikattacken benannte – ihre Situation am Arbeitsplatz.

Er schrieb seine Patientin krank, verordnete ihr ein leichtes Antidepressivum („Das habe ich aber doch nicht genommen, davor hatte ich Schiss!“); er empfahl ihr auch eine Psychotherapie, „doch die brauchte ich dann nicht mehr“, sagt Susanne Hartwig, „denn entscheidend für den glücklichen Krankheitsverlauf war meine Entscheidung, zu kündigen, um mich dem täglichen Stress nicht mehr aussetzen zu müssen. Meine freiwillige monatelange Arbeitslosigkeit hat sich also positiv ausgewirkt.“ Seit knapp zehn Jahren arbeitet Susanne Hartwig mittlerweile in der Verwaltung einer Immobilienverwaltung. „Und zwar störungsfrei!“, sagt sie und lacht.

 „Insgesamt 30 Prozent aller Menschen in den Industrieländern erkranken einmal während ihres Lebens an einer psychischen Krankheit“, sagt die Psychiaterin Anne Karow, Professorin für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), „der eine steckt es besser weg, der andere leider nicht und fünf bis zehn Prozent aller Erkrankten entwickeln im Laufe ihres Lebens dann leider eine schwere psychische Erkrankung wie etwa eine Psychose.“

Psychose bedeutet zunächst eine veränderte Wahrnehmung der Realität, eigenwillige Sinneseindrücke (Halluzinationen) und ein eher sprunghaftes Denken. Was eigentlich als Schutzmechanismus der Seele funktionieren soll, kann in einem Klima der Angst eine fatale Eigendynamik entwickeln.

Der Begriff „Psychose“ wird inzwischen als Überbegriff für verschiedene psychische Erkrankungen benutzt. Hierzu zählen vor allem die Schizophrenie sowie andere Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis wie bipolare Psychosen oder Psychosen im Kontext von schweren Depressionen. Statistisch gesehen weisen zurzeit rund 27.000 Menschen in Hamburg dieses Krankheitsbild auf.

„Je geringer die Angst, desto größer sind die Heilungschancen“, sagt Thomas Bock, der Leiter der Psychosenambulanz am UKE. Allerdings sei das Risiko bei dieser schweren Erkrankung sozial ausgegrenzt zu werden und nicht ins Berufsleben eintreten zu können oder seine Arbeit zu verlieren ohne eine gute Behandlung hoch.

Doch während die Bitte nach dem „Gelben Zettel“ wegen einer körperlichen Fehlfunktion längst eine Selbstverständlichkeit ist, tun sich nach wie vor viele Menschen schwer zuzugeben, dass sie an einer der zahlreichen psychischen Krankheiten leiden, die eigentlich dringend behandlungsbedürftig ist. „Und das sind entschieden zu viele“, sagt Anne Karow. „Einen grippalen Infekt oder einen Bandscheibenvorfall versteht schließlich jeder, aber psychische Krisen werden nicht selten solange versteckt, bis sie zu ernsthaften Krankheiten geworden sind.“

In Hamburg gibt es ca. 325.000 Menschen, die mindestens einmal in ihrem Leben an einer Depression erkrankten. Viele von Ihnen können nach überstandener Krise gut wieder arbeiten. Viele bleiben jedoch depressiv, weil sie keine Chance dazu bekommen und viel zu schnell berentet werden. Das mittlerweile bekannte „Burn-Out-Syndrom“ gehöre übrigens nicht zu den anerkannten psychischen Krankheiten, sagt Anne Karow, aber dieses Phänomen sei natürlich mit dem, was sie in den Ambulanzen täglich erlebten und was von der Gesellschaft wahrgenommen werde, „verdrahtet“: „Wir leisten uns den fragwürdigen Luxus, dass die einen psychisch erkranken, weil sie zuviel arbeiten, und die anderen, weil sie zu wenig arbeiten.“

Wer sich mit psychische Krankheiten und Störungen beschäftigt, merkt schnell, dass er damit ein riesiges Fass öffnet, sogar eher eine Art Büchse der Pandora. Denn die Ursachen und der Schweregrad der Erkrankungen sind so verschieden und vielseitig, wie es Menschen gibt. Für die Volkswirtschaft wiederum bedeuten psychische Erkrankungen einen enormen finanziellen Schaden. Bezogen auf die Gesundheitsausgaben ist es inzwischen die drittteuerste Krankheitsgruppe (nach Herz-Kreislauferkrankungen und Krebserkrankungen): Pro Jahr werden rund 28,7 Milliarden Euro für die Behandlung psychischer Erkrankungen ausgegeben (was rund 11,3 Prozent der Gesamtkosten im Gesundheitswesen entspricht); doch der sog. „Produktivitätsausfall“ ist dabei nicht selten ein künstliches Produkt. Denn viele psychisch Erkrankte würden gerne wieder arbeiten, und sei es bloß als Zuverdienst, weil damit nicht nur Geld, sondern auch Sinngebung und Anerkennung verbunden sind. Doch unser komplexes und auf immer mehr Leistung und Produktivität ausgerichtetes System sieht berufliche Nischen immer seltener vor, was zu einer zunehmenden Ausgrenzung einer großen Bevölkerungsgruppe führt.

Jetzt taucht eine weitere, alarmierende neue Zahl aus den USA auf, wo die American Psychiatric Association (APA, die „Vereinigung amerikanischer Psychiater) regelmäßig den international gültigen „Diagnostischen und Statistischen Leitfaden psychischer Störungen“ (DSM, Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) herausgibt, die durchaus umstrittene „Bibel der Psychiater und Psychologen“ (aber auch die medizinische Grundlage für Krankenkassenleistungen). Jeffrey Borenstein, Präsident der New Yorker „Brain & Behavior Research Foundation“ (einer renommierten psychiatrischen Forschungseinrichtung), schrieb in einem Gastbeitrag in der New York Times: „Die Tatsache, dass wir eine um 24 Prozent gestiegene Suizid-Rate registrieren, muss für unser Land ein Weckruf sein. Würden wir ähnliche Werte für irgendeine andere Todesursache bemerken, würde die Bevölkerung von den Verantwortlichen sofortigen Handlungsbedarf fordern (…) Wir müssen daher dringend die psychischen Krankheiten entstigmatisieren und Vorurteile abbauen, damit sich die Erkrankten nicht schämen, um medizinische Hilfe zu ersuchen. Und wir müssen stärker auf die Krankenversicherungen einwirken, damit die Kostenübernahme für Behandlungen den Patienten nicht verweigert wird.“

Diese Forderungen werden von den forschenden und behandelnden Psychiatern und Psychologen am UKE in vollem Umfang unterstützt, obwohl das deutsche Pflichtversicherungssystem den amerikanischen Krankenkassen in weiten Teilen voraus ist, nicht selten sogar überlegen. „Aber gerade in unserem Fachbereich funktioniert es nach wie vor nicht richtig“, sagt Anne Karow, „zu viele Menschen mit behandlungsbedürftigen Erkrankungen müssen einfach zu lange auf eine Therapie warten, was die Symptome häufig verschlimmert und zu einer Zunahme stationärer Aufenthalte führt.“ So würden Rückstaus und zu lange Behandlungszeiten erzeugt sowie eine „Drehtürpsychiatrie“ gefördert. Auch die Anzahl der Arbeitsunfähigkeitstage durch psychische Erkrankungen sei in den letzten 10 Jahren um 200 Prozent gestiegen, was jedoch nicht an einer realen Zunahme der Erkrankungen läge.

Deutschland ist das einzige europäische Land, in dem die Zahl der Krankenhausbetten in der Psychiatrie und Psychosomatik kontinuierlich ansteigt, während die meisten anderen Länder bereits seit Jahren erfolgreich auf eine Stärkung des ambulanten Systems mit Einführung von Früherkennung, Krisenteams und Zuhausebehandlung setzen. „Aber wir brauchen nicht 50.000 weitere Fachkräfte, sondern ein verbessertes System, um die derzeitige Schieflage zu begradigen“, sagt Anne Karow. Diese Schieflage verdanke man auch den individuellen Interessen der verschiedenen Mitspieler im lukrativen Geschäftsfeld der psychischen Erkrankungen. „Krankenhäuser wollen ihre Betten möglichst belegen, Therapeuten möchten volle Praxen haben – aber verständlicherweise mit zuverlässigen Patienten“, sagt die Professorin, „und beim Abrechnungssystem spielt schließlich der politische Lobbyismus immer noch eine viel zu große Rolle.“ Die geltende Gebührenordnung hält sie „teilweise für absurd“. So aber habe über die Jahre eine zunehmende Ungerechtigkeit in der medizinischen Versorgung zu Ungunsten von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen entstehen können.

Doch nun kommt Bewegung ins verkrustete System. Im sogenannten „Eckpunktepapier“ sieht das Bundesgesundheitsministerium endlich vor, dass auch eine „aufsuchende Akutbehandlung“ möglich werden soll, im Klartext: „stationsersetzende Maßnahmen“ sollen zukünftig normal abrechenbar werden. Diese Kehrtwendung in der Psychiatriepolitik verdanken wir nicht zuletzt den hoffnungsvollen Projekten der integrierten Versorgung, die vor allem in Hamburg beweisen konnten, dass durch strukturelle Veränderungen mehr Flexibilität und Kontinuität bei der Behandlung ermöglicht werden und mit denselben finanziellen Mitteln deutlich bessere Effekte erzielt werden können. „Es geht uns dabei um eine hochintensive, zeitsparende und effektive Therapie, mit der die Chronifizierung des Krankheitsbildes möglichst verhindert werden soll. Das kann aber nur ein örtlich flexibles Team leisten“, sagt Anne Karow, die am UKE für die Integrierte Versorgung für Menschen mit Psychosen gemeinsam mit Professor Martin Lambert verantwortlich zeichnet. So solle ein junger Mensch, der sich zum Beispiel am Anfang einer Schizophrenie befinde, nicht von einem Therapeuten alleine behandelt werden, sondern durch ein komplettes Team von Therapeuten, die sich gegenseitig unterstützen und vertreten können – auch bei plötzlichen Krisen und Notfällen. „Überhaupt ist es doch fraglich, ob dieser Patient bei einem akuten Schub, wenn er zum Beispiel Stimmen hört und sich verfolgt fühlt,  in der Lage wäre, seine Wohnung für die nun dringend notwendige Behandlung zu verlassen“, sagt Anne Karow. „Wenn also ein Patient nicht zu uns kommen kann, aus welchen Gründen auch immer, fahren unsere Therapeuten eben zu ihm hin. Und inzwischen können wir sogar beweisen, dass diese Form der Behandlung nicht nur hinsichtlich der besseren Lebensqualität der Patienten und ihrer Angehörigen erfolgreicher, sondern im Vergleich zur herkömmlichen Standardtherapie sogar kostenneutral ist“, sagt Anne Karow.

Doch ein gravierendes Grundproblem ist nach wie vor die Früherkennung: Die meisten psychischen Erkrankungen und Störungen treten erstmals im Kindes-, Jugend- und jungen Erwachsenenalter auf, doch sie werden zumeist erst erkannt, wenn sie – dann im Erwachsenenalter – schon weit fortgeschritten sind. Während zahlreiche Industrieländer bereits Anfang der 90er Jahre damit begonnen haben, an der Schnittstelle zwischen der Kinder- und Jugend- und Erwachsenenpsychiatrie sogenannte „Early Intervention Services“ („Früherkennungszentren“) einzurichten, hinkt Deutschland auf diesem Feld weit hinterher. Hierzulande existiert ja auch immer noch kein Gesetz zur „Stärkung der gesundheitlichen Prävention“, und die bisherigen Gesetzesvorlagen konzentrieren sich lediglich auf allgemeine Maßnahmen der Primärprävention und berücksichtigten die psychischen Erkrankungen zu wenig, auch nicht im Kindes- und Jugendalter. In dieser sensiblen Zeit des Erwachsenwerdens gehören Krisen zum Leben dazu. Doch genauso selbstverständlich braucht es Hilfen, damit aus diesen Krisen keine Krankheiten werden können, Hilfen, die keine Diagnostik voraussetzen und keine Stigmatisierung bedeuten.

Seit 2013 arbeitet der eigene stationäre und demnächst auch tagesklinische Bereich für Jugendliche und junge Erwachsene am UKE, eine der ersten Einrichtungen in Deutschland an der „Schnittstelle“ zwischen der Kinder- und Jugendpsychiatrie und der Erwachsenenpsychiatrie, die für die Leiterin Anne Karow und für den Leiter der Kinder und Jugendpsychiatrie, Professor Schulte-Markwort und den Leiter der Erwachsenenpsychiatrie, Professor Jürgen Gallinat schon einige überraschende Erkenntnisse brachte. „Es hat sich herausgestellt, dass es um das 18. Lebensjahr herum einen sehr großen Behandlungsbedarf gibt“, sagt Anne Karow. Bisher seien viele schwer erkrankte Jugendlichen oft nicht behandelt worden und erst mit bereits chronifizierten psychischen Erkrankungen, ohne Schulabschluss, ohne Ausbildung und ohne berufliche Eigenständigkeit dann Jahre später bei einem Psychotherapeuten oder in einem Krankenhaus vorstellig geworden. „Wir wissen jedoch, dass zwei Drittel der psychischen Erkrankungen zum ersten Mal im Alter zwischen 16 und 24 Jahren auftreten, wenn noch massive Umbauprozesse im Gehirn stattfinden. Unser Problem war es bisher, dass wir diese Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen, die vielleicht schon einmal mit zwölf oder 15 Jahren in der Kinder- und Jugendpsychiatrie behandelt worden waren, dann erst im Alter von 25 Jahren in der Erwachsenenpsychiatrie wiedergesehen haben.“

Doch wer soll solche Defizite im Alltag erkennen? Lehrer, Hausärzte, Vereinstrainer, Pastoren oder auch die Eltern haben zunächst einmal andere Aufgaben. Und welcher Jugendliche gibt schon freiwillig zu, dass es ihn seelisch, emotional, „gefühlsmäßig“ eben, „irgendwie zersemmelt“ hat? Dass er anders ist und sich anders fühlt, als andere. Wenn er denn überhaupt in der Lage ist, sich zu fühlen und zu spüren.

An dieser Stelle kommt der Verein „Irre menschlich“ ins Spiel; eine Initiative, die sich aus dem „Trialog“ von Erfahrenen, Angehörigen und engagierten Profis gegründet hat und antritt, „das öffentliche Bild von psychischen Krankheiten zu verbessern.“

„Irre menschlich heißt auch“, sagt Prof. Thomas Bock, „dass die Gesellschaft erkennen lernen muss, dass psychische Krisen und Erkrankungen nicht grundlos und sinnlos geschehen, dass sie nicht nur Störungen, sondern auch Lösungsversuche sind und vor allem zutiefst menschlich. Gerade im Umgang mit den besonderen Ausdrucks- und Lebensformen dünnhäutiger Menschen brauchen wir Akzeptanz und Feingefühl. Und wir müssen vollständig wahrnehmen. Bipolare Störungen beispielsweise mögen zwar anstrengend sein, aber sie bergen nicht selten auch Kreativität. Wenn alle Menschen sich in der immer gleichen Balance befänden, wäre das sicher langweilig. Ausserdem würden uns wahnsinnig viele Kunstwerke fehlen, Bilder oder Musikstücke. In einem solchen Klima der Selbstverständlichkeit ist es auch leichter sich selbst wieder zu verstehen, selbst wieder die Steuerung zu übernehmen.“

Eine Aufgabe, die Felicitas Neetz und Kris Wannagat, bereits vor vielen Jahren in Angriff genommen haben. Die heute 24jährige Felicitas merkte vor neun Jahren, während eines Schüleraustauschjahres in Neuseeland, das irgendwas mit ihr nicht stimmte. „Ich begann, die Realität anders wahrzunehmen. Die Menschen um mich herum sahen auf einmal bedrohlich aus, wie Monster.“ Für Felicitas verschoben sich die Zeitebenen, so wie man dies aus seinen nächtlichen Träumen kennt, „aber während der Schlaf uns ja davor schützt, geschah das alles tagsüber. Ich wurde regelrecht paranoid“, sagt sie leise, „ich bezog alles negativen Dinge auf mich, auf meine Person und das war sehr unangenehm.“

Trotzdem schaffte sie ihr Abitur, absolvierte auch noch ein Freiwilliges Soziales Jahr, dies jedoch eher mit Ach und Krach, „aber letztlich zog ich mich immer mehr zurück, bis die Psychose so stark wurde, dass eigentlich nichts mehr funktionierte.“ Heute weiß sie, dass ihr vermutlich einiges erspart geblieben wäre, wenn sie rechtzeitig Hilfe erhalten hätte. Jetzt tastet sie sich vorsichtig an eine Berufsausbildung heran. „Ich kann mich nur noch nicht so richtig entscheiden, ob ich Goldschmiedin werden oder im Ergobereich, in der Betreuung arbeiten möchte.“

Der Therapeut Thomas Bock wünscht sich in diesem Zusammenhang, dass den jungen – wie überhaupt eigentlich allen – Menschen, mehr Geduld gewährt würde. „Der heutige Zeitfaktor, die ungeheure Schnelligkeit, die mit der Reizüberflutung gepaart ist, sind für die Dünnhäutigen unter uns ein Grundübel“, sagt er, „denn hinter jeder Diagnose verbirgt sich eine schier unendliche Vielfalt von unterschiedlichen Phänomenen: Warum ist ein Mensch so geworden und was braucht er, um gegenzusteuern?“

Auch der heute 35jährige Kris hatte sehr lange auf seine Diagnose warten müssen. „Und als sie dann endlich da war – ich leide an einer bipolaren Erkrankung, ich bin manisch-depressiv – war das für mich ungeheuer befreiend“, sagt der Langzeit-Jurastudent. Denn jetzt konnte er endlich offensiv mit seiner Erkrankung umgehen. „Rückblickend habe ich diese Krankheit bereits mein ganzes Leben. Als ich meinen Freunden meine Diagnose mitgeteilt habe, haben sie gesagt: ‚Genau, das bist du, du bist immer ganz oder gar nicht.‘“

Wenn er sich in der manischen Phase befände, verfüge er über ein maßlos gesteigertes Selbstbewusstsein und ein verringertes Schmerzempfinden. Dann werde er auch nicht müde, entwickele plötzlich enorme Kräfte und fühle sich als der „Größte, Geilste und Beste“, erzählt er freimütig: „Ich habe in so einer Phase mal einen Schrank alleine hoch in die dritte Etage geschleppt. Als später die Depressionsphase eintrat, konnte ich den Schrank jedoch nicht mal einen Zentimeter verrücken.“ Und über Menschen, die aufputschende Drogen wie Kokain, Chrystal Meth oder Amphetamine nehmen, könne er sich beinahe schon lustig machen. „Ich sage dann immer, ‚tut mir ja leid für dich, dass du dafür Drogen brauchst…‘“

Der Antrieb und die Power seien bei Kris ungleich verteilt, sagt Thomas Bock, „nun geht es darum, Bewältigungsstrategien zu erarbeiten, um den zerstörerischen Effekt der Erkrankung möglichst zu minimieren.

„Ich habe versucht, mich zu verstehen. Mich selbst zu erkennen. Ich halte nicht mehr hinterm Berg damit, ich weiche nicht aus. Ich bin jedoch noch nicht in der Situation, dass ich mich auf dem Arbeitsmarkt als Bipolarer outen müsste“, sagt Kris, der sich natürlich vorstellen kann, dass irgendwann, bei einem Bewerbungsgespräch in einer Rechtsanwaltskanzlei, mit Sicherheit die Frage auftauchen würde, warum sein Studium so lange gedauert habe. „Ich weiß allerdings nicht, ob ich es noch erleben werde, dass mein Anderssein soweit entstigmatisiert wird, dass ich mich dann als ‚Bipolarer‘ outen dürfte. Aber wenn ich zum Beispiel die Leute in meiner Kunsttherapie mitbekomme, dann weiß ich, wie viel kreatives Potenzial zurzeit verloren geht.“

Kris selbst behauptet zwar von sich, dass er „beschissen male“, aber er spüre, dass ihm das Malen guttue, „das eine Bild“ – und das sei eben eine andere Denke. – Diese „andere Denke“ beinhaltet, nicht immer alles an der Leistung zu messen, sondern auch am eigenen Gespür. „Und außerdem könnten“, sagt Kris Wannagat, „die normalen Leute sich ruhig mal an uns Irren orientieren.“

Dafür gehen die Mitglieder des Vereins in die Öffentlichkeit. Über 200 Begegnungsprojekte organisiert „Irre menschlich“ in Hamburg jedes Jahr. Betroffene halten Vorträge vor Lehrern, Journalisten, Polizisten oder Justizangestellten sowie vor Mitarbeitern der Jugendhilfe und aus Gesundheitsberufen; vor allem aber an Schulen, um junge Leute für dieses wichtige, gesellschaftliche Thema zu sensibilisieren. Denn wenn „echte Psychos“ sich hinstellten und erzählten, dann sei das authentisch und weitaus spannender als ein wissenschaftlicher Vortrag, sagt Thomas Bock. „Wenn dann spürbar wird, das ist ja ein Mensch wie jeder andere auch, dann haben beide Seiten gewonnen: Die  eine die Toleranz, die andere die Sensibilität.“

„Einmal“, erzählt Kris, „war ich in einer Brennpunktschule eingeladen, und mir wurde vorab gesagt, dass es sich um eine schwierige Klasse handeln würde, in der ein depressives Mädchen saß, die gehänselt wurde und häufig krankgeschrieben war.“ Dieser Vormittag habe sich dann überraschend entwickelt. „Die Klasse war lammfromm. Die Schüler waren total aufmerksam, haben Fragen gestellt, und dann merkte ich plötzlich, die stellen ja die Fragen für ihre Klassenkameradin, weil sie wissen wollten, wie sie ihr helfen könnten. Und mein Beispiel hat ihr geholfen, sich nicht immer nur verstecken zu müssen.“ Nicht selten berichten Lehrer nach solchen trialogischen Unterrichtsprojekten von einem beseren Umgang der Schüler untereinander.

Doch auch dies ist nur ein kleiner Erfolg, aber ein wichtiges Ergebnis in einer Welt, in der es für viele Menschen zunehmend schwieriger wird, einfach nur dazu zu gehören. Die Experten an der „Psychofront“ registrieren schon seit geraumer Zeit mit einer gewissen Sorge eine gewisse Schulung zur Empathielosigkeit, um die heutigen Anforderungen im Schul- und Berufsleben erfüllen zu können, zu denen unter anderem Tempo, Manipulation und Rücksichtslosigkeit gehören. „Aber es kann nicht die Aufgabe der Psychiatrie sein, die Menschen fit zu machen für die Gesellschaft“, sagt Anne Karow, „wir haben eher die Aufgabe, möglichst viel in Frage zu stellen, Dinge, die vielleicht nicht guttun, zu erkennen und es den Betroffenen zu ermöglichen, eine innere Balance zu finden.“

Hilfe im Internet

http://www.psychenet.de

Dieses Hamburger Netzwerk besteht aus über 100 verschiedenen Partnern und enthält zahlreiche hilfreiche Links und Kontaktadressen. Psychenet.de will die Vorbeugung, Diagnose und Behandlung von Menschen mit psychischen Erkrankungen in der Region entscheidend verbessern.

 www.irremenschlich.de

Der Verein organisiert Informations-, Begegnungs- und Präventionsprojekte zu allen Aspekten von seelischer Gesundheit, psychischer Erkrankung und Anderssein und wirbt für mehr Toleranz im Umgang mit anderen und Sensibilität zu sich selbst

Die häufigsten psychischen Erkrankungen

Depression

16 bis 20 von 100 Menschen erkranken mindestens einmal im Laufe ihres Lebens an Depressionen. (Hamburg: 324.000)  Frauen sind etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer. Depressionen können in jedem Lebensalter auftreten, oft in Kombination mit einer weiteren psychischen Erkrankung wie z.B. einer Angsterkrankung. Durchlebt ein Mensch über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen folgende Beschwerden, kann dies auf eine Depression hinweisen:

  • Niedergeschlagenheit oder Schwermut
  • wenig Interesse oder Freude
  • Müdigkeit, Antriebs- und Kraftlosigkeit

Eine Depression ist ein gesundheitliches Problem und keine Sache des Charakters! Es ist für die Betroffenen selbst nicht einfach, diese Erkrankung zu akzeptieren. Gut gemeinte Empfehlungen wie „Kopf hoch, es wird schon wieder“ helfen nicht. Die Anzeichen einer Depression kommen oft „wie aus heiterem Himmel“ und ohne erkennbaren Anlass.

Somatoforme Störungen

12 von 100 Menschen (216.000 Hamburger) erkranken im Laufe ihres Lebens an einer Somatoformen Störung. Als somatoforme Störungen werden körperliche Beschwerden bezeichnet, die sich nicht oder nicht hinreichend auf eine organische Erkrankung zurückführen lassen. Somatoforme Störungen gehören zusammen mit Depressionen und Angststörungen zu den häufigsten und teuersten psychischen Erkrankungen in Deutschland. Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer.

Psychosen

Unter Psychosen versteht man psychische Erkrankungen, deren Verlauf abhängig vom Lebenskontext des Betroffenen verschiedene Formen annehmen kann. Allerdings existieren auch Symptombereiche, die übereinstimmend bei vielen Betroffenen verändert sind. Sie haben häufig Mühe, zwischen der Wirklichkeit und der eigenen, subjektiven Wahrnehmung zu unterscheiden. Aus Psychosen können sehr ernsthafte weitere Erkrankungen wie Schizophrenie entstehen. Ein bis zwei von 100 Menschen erkranken einmal im Leben an einer Psychose – in Hamburg 27.000 Menschen. Allein an Schizophrenie leiden derzeit 51 Millionen Menschen weltweit. Erstmalig tritt diese Erkrankung zumeist zwischen dem 12. und 29. Lebensjahr auf.

Magersucht

Etwa eine von 100 Personen (das entspricht 0,3 – 1,2 Prozent der Bevölkerung oder rund 18.000 Hamburgern) ist aktuell oder war im Laufe ihres bisherigen Lebens an Magersucht erkrankt. Bei zusätzlichen zwei bis drei Personen (2,4 Prozent, 43.000 Hamburgern) tritt eine atypische Magersucht auf, bei der ein diagnostisches Kriterium nicht voll erfüllt wird. Etwa 40 bis 60 von 100 Erkrankten beenden eine Psychotherapie und gelten nach fünf Jahren als erfolgreich behandelt. Bei ungefähr 30 von 100 Betroffenen bleibt die Magersucht dauerhaft bestehen. Das Risiko, an einer Magersucht zu sterben, ist im Vergleich zu anderen psychischen Erkrankungen aufgrund der zum Teil schwerwiegenden körperlichen Folgen und des erhöhten Suizidrisikos (Selbsttötungsrisikos) hoch. Frauen haben ein etwa zehnfach erhöhtes Risiko, an einer Magersucht zu erkranken.

Bulimie

5 von 100 Menschen leiden im Laufe ihres Lebens an einzelnen Symptomen einer Bulimie („Ess-Brechsucht“). 90 von 100 Bulimikern sind Mädchen und Frauen. Bulimie ist eine gut behandelbare psychische Erkrankung. Rund ein Drittel der Betroffenen erreichen durch Psychotherapie wieder ein völlig normales Essverhalten. Bei einem weiteren Teil der Betroffenen kann zumindest eine Besserung der Symptome erreicht werden.

Bipolare Störung

Bei einer Bipolar-I-Störung haben die Betroffenen ausgeprägte Manien und Depressionen, bei einer Bipolar-II-Störung kommen ebenfalls Depressionen, jedoch im Wechsel mit schwächer ausgeprägten Manien, den Hypomanien, vor. Bipolare Erkrankungen können jeden Menschen betreffen und beginnen überwiegend im frühen Erwachsenenalter um das 18. Lebensjahr herum. 1 bis 3 von 100 Menschen erkranken im Laufe ihres Lebens an einer Bipolaren Störung (36.000 Hamburger). Im Gegensatz zu den rein depressiven Erkrankungen sind Frauen und Männer gleich häufig betroffen. Die Beschwerden, die auch im späteren Erwachsenenalter durch Lebenskrisen oder Umbruchsituationen ausgelöst werden können, müssen fast immer durch gezielte verhaltenstherapeutische Maßnahmen behandelt werden.

Panikstörungen

Panikstörungen (auch Agoraphobien) verschwinden ohne therapeutische Hilfe nur sehr selten. Werden sie jedoch fachgerecht behandelt, sind die Erfolgsaussichten gut. 7 bis 12 von 100 Menschen (bis zu 180.000 Hamburger) erkranken mindestens einmal im Leben an einer Sozialen Phobie. Frauen sind eineinhalb Mal so häufig betroffen wie Männer.

Soziale Phobien

Viele Menschen mit Sozialer Phobie (7 bis 12 von 100 Menschen, bis zu 180.000 Hamburger) können im Laufe ihres Lebens erkranken. Zumeist leiden sie dann unter einer weiteren psychischen Erkrankung wie z. B. Depressionen, anderen Angsterkrankungen, somatoformen Störungen oder Abhängigkeitserkrankungen. Meist tritt die Soziale Phobie zuerst auf. Bleibt sie unbehandelt, erhöht sich das Risiko, eine Depression oder einen Alkoholmissbrauch zu entwickeln. Soziale Phobien entstehen häufig aufgrund genetischer Veranlagung, einer überbehüteten Erziehung, durch bestimmte Denkarten wie ein negatives Selbstbild oder Katastrophenphantasien, aber auch durch belastende Lebensereignisse.

Generalisierte Angststörungen

Ungefähr 5 von 100 Menschen (90.000 Hamburger) erkranken im Laufe ihres Lebens an einer generalisierten Angststörung. Frauen sind etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer, die Krankheit bricht zumeist im Erwachsenenalter zwischen dem 35. Und 45. Lebensjahr aus. Wenn die Erkrankung nicht behandelt wird, besteht ein hohes Risiko, dass sie lange bestehen bleibt, wobei es beim Schweregrad häufig Schwankungen gibt: Viele Patienten erleben zwar Zeiten, in denen sie frei von Symptomen sind, bei ungefähr der Hälfte der Personen treten aber später erneut Beschwerden auf. Für Menschen mit generalisierter Angststörung ist es häufig schwerer auszuhalten als für andere Menschen, dass man keine „absolute Sicherheit“ hat.

Jetzt ’n schönen Kaffee

Das moderne Großraumbüro von heute ist vergleichbar mit der Wohngemeinschaft von damals, als man in stundenlangen Diskussionen bei bewusstseinserweiternden Joints und Kirschtee versuchte, einen allgemeingültigen Haushaltsplan aufzustellen. Wer sich an diese Anfänge selbstständigen Lebens fernab von Hotel Mama erinnern kann, weiß, dass diese Sit-ins immer zu einem Ergebnis führten: zu nichts. Wohngemeinschaften waren ein steter Quell der Schimmelpilze und des Staubs, der sich irgendwann nicht mehr vermehren kann.

Wenn Sie jetzt glauben, dass sich dieses Verhalten mit zunehmendem Alter ändern könnte, dann irren Sie. Beobachten Sie doch mal das Verhältnis ihrer Kolleginnen und Kollegen zur Kaffeemaschine, die vom großzügigen Arbeitgeber zur allgemeinen Nutzung spendiert wurde. Die einfache Regel lautet: Wer den letzten Kaffee aus der Kanne nimmt, muss einen neuen Kaffee aufsetzen. Langzeitstudien führender Arbeitspsychologen haben jedoch ergeben, dass…

… 44 Prozent der Kaffeetrinker peinlich genau darauf achten, dass sie immer eine winzige Pfütze Kaffee in der Kanne zurücklassen

… 32 Prozent auch nach zehn Jahren Betriebszugehörigkeit noch immer nicht wissen, wo das Kaffeepulver gelagert wird, geschweige denn die Filtertüten

… zehn Prozent den laufenden Brühprozess unterbrechen, was den übrigen Kaffee in der Kanne am Ende in Plörre verwandelt

… neun Prozent zwar brav Kaffee kochen wollen, aber immer nur die obere Wärmeplatte anschalten und dann irgendwann frustriert weggehen, weil einfach nix passiert

… so dass weitere vier Prozent den Wassertank doppelt befüllen, eine Überschwemmung verursachen und dann augenblicklich in ein dringendes Meeting verschwinden müssen.

Komischerweise findet sich am Ende jedoch immer dieselbe Person, die weiß, wo man die Ingredienzien zum Kaffeekochen findet, wie die Maschine funktioniert und wie man eine Überschwemmung mit Wischmob und Eimer beseitigt. Aber wenn diese Person dann vom Händewaschen zur Kaffeemaschine zurückkehrt, um sich selbst eine Tasse zu gönnen, befindet sich bloß noch ein winziger Schluck in der Kanne. Wetten, dass?